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    Language lab

    "Charakter" als Begriff für literarische bzw. fiktionale Figur

    Topic

    "Charakter" als Begriff für literarische bzw. fiktionale Figur

    Comment

    In der letzten Zeit ist es mir mehrfach passiert, dass Gesprächspartner, die sich ganz augenscheinlich bemühten, mit mir auf deutsch in einem gepflegten Umgangston zu sprechen, statt des Begriffs der fiktionalen "Figur" etwa in Filmen den Begriff des Charakters verwenden, analog zum character im Englischen.

    Könnte es sein, dass auch dieser Begriff sich langsam im Deutschen in dieser aus dem Englischen entlehnten Bedeutungsfacette durchsetzt?

    AuthorRightSaidFred (1322814)  01 Apr 22, 00:43
    Comment

    Duden https://www.duden.de/rechtschreibung/Charakter

    2.b) Person, Persönlichkeit in einem Buch, Film o. Ä.; Figur (5c)

    Beispiel

    • die Charaktere in einem Roman


    Das sieht nicht nach frischem Import aus dem Englischen aus.

    #1Authormanni3 (305129)  01 Apr 22, 00:59
    Comment
    Doch, es ist unpräzise und geht in Richtung falscher Freund. Nicht vergessen: der Duden ist deskriptiv. Er wird irgendwann auch "*Addresse" und "*im vorraus" enthalten.

    Für "Charakter" statt "Figur" mache ich jene literaturwissenschaftliche Verwahrlosung unseres Schulunterrichts verantwortlich, die auch Oberschüler jedes Werk als "Buch" bezeichnen lässt, von der Novelle bis zum bürgerlichen Trauerspiel.
    #2Authortigger (236106)  01 Apr 22, 05:22
    Comment

    Ja, ja, die "literaturwissenschaftliche Verwahrlosung unseres Schulunterrichts"! (Nebenbei: Was für eine abstruse Formulierung!)


    Statt hier ohne jeden Nachweis vom Leder zu ziehen, wäre es gut gewesen, sich ein bisschen kundig zu machen. Dem Grimmschen Wörterbuch ist zu entnehmen, dass die Verwendung von Charakter im Sinne einer literarischen Figur schon im 18. und 19. Jahrhundert nachweisbar ist, beispielsweise bei Tieck. Aber vermutlich hat der auch unseren verwahrlosten Unterricht über sich ergehen lassen müssen.


    https://www.dwds.de/wb/dwb2/charakter

    #3AuthorCro-Mignon (751134) 01 Apr 22, 06:36
    Comment

    Danke für die Hinweise. Ich kann nur sagen, dass mir das (immer noch) sehr ungebräuchlich erscheint (wie z.B. immer wieder mal einiges im DUDEN, weil es nicht meiner Alltags- bzw. Leseerfahrung entspricht.)


    Insofern würde ich meine Frage präzisieren wollen: Gebraucht ihr selbst den Begriff des Charakter so bzw. haltet ihr das von eurem Sprachgefühl her für üblich oder "akzeptabel" - den DUDEN einmal beiseite?

    #4AuthorRightSaidFred (1322814)  01 Apr 22, 07:33
    Comment

    Passiver Wortschatz ohne Störgefühl.

    #5Authormbshu (874725) 01 Apr 22, 07:37
    Comment

    Ich sage 'Figur', fühle mich dabei aber prätentiös.


    OT: ... die auch Oberschüler jedes Werk als "Buch" bezeichnen lässt, von der Novelle bis zum bürgerlichen Trauerspiel. (#3)


    Wie muss man sich das vorstellen? Wird die Bezeichnung "Buch" von der Lehrerin vorgegeben oder vielleicht nur vorübergehend geduldet, weil Gattung und Textsorte zunächst erarbeitet werden sollen?

    #6AuthorMr Chekov (DE) (522758)  01 Apr 22, 07:41
    Comment
    Du darfst Spuren von Ironie suchen, Cro-Mignon. Ich weiß auch, dass Charakter nicht ganz ungebräuchlich ist bzw. war, trotzdem halte ich Figur für präziser. Ein Charakter ist sozusagen zu vollständig für eine literarische Figur, auf Deutsch.

    Und ja, ich hatte schon einige Nachhilfeschüler, die sehr wenig Tau von literarischen Gattungen hatten, obwohl sie keine schlechten Schüler waren.
    Auf der Positivseite bleibt zu verbuchen, dass Textsorten offenbar gut gelehrt werden: die müssen auch Blogbeiträge schreiben und Podcasts aufnehmen.
    Zuletzt sollte ich einer helfen, einen Podcast über Emilia Galotti zu machen - da sah man mich dann dumm dreinschauen. Immerhin konnte ich inhaltlich helfen. Aber genau diese Schülerin, die Lessing gut kapiert, sagte konsequent "Buch".
    #7Authortigger (236106) 01 Apr 22, 07:55
    Comment

    Als Randbemerkung: Die ubiquitäre Benennung "Buch" ist im Literarischen das, was im Musikalischen das "Lied" ist: Sinfonie, Etüde, Chorwerk, Instrumentalsonate, Popsong, Opern-/Konzertouvertüre e tutti quanti. De***r und Sp***fy lassen grüßen ...


    Zur Frage: Ich halte es für keine schlechte Sache, daß man unterscheiden kann, ob man etwas über die Figuren oder die Charaktere in einem Roman sagen möchte. Will sagen: die Begriffe sind nicht völlig synonym (welche zwei Wörter wären es?). 'Figur' ist der weitere und damit "leerere" Begriff, enthält den Sinn der "Rolle", mit 'Charakter' kommt die innere (moralische, dramaturgische, etc.) Beschaffenheit einer Figur mit ins Spiel.

    #8AuthorPeter <de> (236455) 01 Apr 22, 08:50
    Comment

    #8 - ja, dann hat aber jemand diesen oder jenen Charakter. Eine Person selber aber als "Charakter" zu bezeichnen, halte ich nur in einem ironischen Tonfall für gebräuchlich, wenn man etwa sagt, jemand sei ein unsicherer, unzuverlässiger Charakter, etwa so wie, wie wenn man sagt, jemand sei ein unsicherer Kantonist.

    Aber als neutralen literaturwissenschaftlichen Begriff akzeptiert mein Sprachgefühl das Wort eben nicht wirklich.

    #9AuthorRightSaidFred (1322814)  01 Apr 22, 10:10
    Comment

    "Das ist der Charakter eines Franz Moor", das bezeichnet (nach meinem Sprachgefühl wenigstens) nicht nur die speziellen charakterlichen Eigenschaften dieser einen dramatischen Rolle, sondern auch die Figur selbst, genauer: ihren Typus.

    #10AuthorPeter <de> (236455) 01 Apr 22, 10:19
    Comment

    No. 7: keinen Tau haben - wieder etwas dazugelernt. (Da hatte ich vorher keine Checkung.)

    #11Authormbshu (874725)  01 Apr 22, 10:30
    Comment

    re ##7,11 : der ist mir so auch neu ... aber eine schöne Wendung ... :-)

    #12Authorno me bré (700807) 01 Apr 22, 10:55
    Comment
    Echt jetzt? Ich habe das eher für deutsch als österreichisch gehalten. Na, auch was gelernt.

    Danke für #8, Peter!
    #13Authortigger (236106) 01 Apr 22, 11:00
    Comment

    Noch mehr OT:


    Ich als Norddeutscher kannte "keinen Tau haben" natürlich auch nicht. Die im Link von #11 angegebene Schweizer Variante "keinen Hochschein haben", die auch der Duden kennt, gefällt mir ebenfalls gut, auch wenn ich sie wohl nie nutzen werde.

    #14Authorharambee (91833)  01 Apr 22, 11:29
    Comment

    re 'keinen Tau haben': Same here, nie gehört/gelesen und hier (#7) nur geraten (halbwegs richtig).


    @tigger: Sehr gerne - allerdings erinnere ich mich (nun), daß schon einige meiner Geigenschüler/innen in den 80er Jahren 'Lied' unterschiedlos benutzten, ganz so neu ist die Entwicklung also anscheinend nicht.

    #15AuthorPeter <de> (236455) 01 Apr 22, 11:50
    Comment
    Oh, wir haben in den 90ern auch zu allem "Buch" gesagt, aber nur kurz. Das haben uns zwei Deutschlehrer schnell abgewöhnt.
    (Der zweite hat uns auch noch den Unterschied zwischen "scheinbar" und "anscheinend" gelehrt.)
    An "Lied" erinnere ich mich nicht, ich glaube bei mir hieß sicherheitshalber alles "Stück". :-)
    #16Authortigger (236106) 01 Apr 22, 14:21
    Comment

    Zurück zum "Charakter": Ich stimme tigger zu, in der modernen Verwendung ist das einfach nur ein Synonym für "Rolle" oder "Figur". Eindeutig aus dem Englischen rübergeschwappt, die von Cro-Mignon ausgegrabenen historischen Belege haben doch eine spezifischere Bedeutung ("Rollenpersönlichkeit" oder wie man das nennen will).


    Nach meiner Erinnerung kam das zuerst in der Computerspiel- und Mangafanszene auf. Bestimmt schon etwas länger her - zwanzig Jahre oder mehr?


    Inzwischen wird das auch für andere Medien (Filme, Bücher ...) so gebraucht. Wird heutzutage womöglich sogar schon die Besetzungsliste in Theaterprogrammen mit "Charaktere" statt "Rollen" überschrieben?

    #17AuthorKapustiner (1229425) 01 Apr 22, 18:19
    Comment
    Er wird irgendwann auch "*Addresse" und "*im vorraus" enthalten

    Wenn der Rat für deutsche Rechtschreibung das als offizielle Schreibweisen anerkennt, dann ja. Sonst eher nicht.
    #18AuthorJanZ (805098) 01 Apr 22, 22:38
    Comment
    Kapustiner, ich habe nicht gemeint, dass alle diese Wörter synonym sind oder immer synonym verwendet werden. Manche Leute machen es, aber es ist eben ungenau. (Wozu hätten wir sonst verschiedene Ausdrücke, es gibt immer Nuancen.)
    #19Authortigger (236106) 02 Apr 22, 07:49
     
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