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    Das Gewicht der Worte

    Kommentar

    Das Gewicht der Worte ist ein Roman von Pascal Mercier (2020). Die Hauptperson ist ein Mann, ursprünglich aus England, der seit vielen Jahren in Italien lebt. Er ist Übersetzer, muss aber nicht allein vom Übersetzen leben. Beim Lesen sind mir Aussagen zur Arbeit eines Übersetzers aufgefallen, von denen ich einige hier kursiv wiedergebe:

     

    Niemand liest so genau wie der Übersetzer. Er entdeckt jede unnötige Wiederholung, jede Unstimmigkeit, jedes Stolpern im Rhythmus, jedes verrutschte Bild, alles, was verbraucht, banal und eben albern ist. Denn er muss ja alles, wirklich alles, in sich aufnehmen, um es in der anderen Sprache nachbilden zu können.

     

    Man (der Übersetzer) muss sich ganz auf die innere Gestalt und den inneren Klang des Buches einlassen, und das ist nur möglich, wenn man diese Gestalt und diesen Klang in sich nachbildet und mit dem Buch atmet. Ein Stück weit lebt man damit das Leben des Autors.

     

    Er lebte in der Sprache der Bücher, die er gerade übersetzte. (d.h., er benutzt dann in Gesprächen öfter als sonst Wendungen, die im zu übersetzenden Buch häufig vorkommen.)

     

    Er hatte fast jeden Satz mehrfach umgeschrieben, um den Ton genau zu treffen.

     

    Den Übersetzer beunruhigt dieser Gedanke: Dass ich mir durch Jahrzehnte des Übersetzens den Weg zu einer eigenen Sprache verbaut hatte.

     

    Meine Fragen dazu gehen hauptsächlich an die Übersetzer unter euch, aber jeder darf sich natürlich dazu äußern:

     

    - Wie realistisch ist dieses starke Aufgehen in der Übersetzungsarbeit?

    - Erlebt ihr, wenn ihr Belletristik übersetzt, es ähnlich?

    - Kann man sich das zeitlich und einkommensmäßig überhaupt leisten?

    VerfasserViking_ (925763)  03 Aug. 20, 14:05
    Kommentar

    I don't usually translate novels, but can relate to most of these descriptions.


    Niemand liest so genau wie der Übersetzer. Er entdeckt jede unnötige Wiederholung, jede Unstimmigkeit, jedes Stolpern im Rhythmus, jedes verrutschte Bild, alles, was verbraucht, banal und eben albern ist. Denn er muss ja alles, wirklich alles, in sich aufnehmen, um es in der anderen Sprache nachbilden zu können.

    -- It's certainly true that as a translator, you have to read each sentence carefully to ensure that you have understood it properly and not left anything out. As a result, you often spot errors, repetitions or illogical aspects. I recently went over a fairly technical translation of mine with the man who wrote the German version, and he was surprised that I had noticed errors, and amazed that I had researched in detail into the meaning of various words. Not sure what he thought my job was otherwise!


    Man (der Übersetzer) muss sich ganz auf die innere Gestalt und den inneren Klang des Buches einlassen, und das ist nur möglich, wenn man diese Gestalt und diesen Klang in sich nachbildet und mit dem Buch atmet. Ein Stück weit lebt man damit das Leben des Autors.

    -- You also have to imagine the emotions or whatever it is the author is currently trying to express, so that you can express the same thing in your translation. That may be something as banal as trying to get as enthusiastic about a town as the person describing it in a tourist brochure is claiming to be.


    Er lebte in der Sprache der Bücher, die er gerade übersetzte. (d.h., er benutzt dann in Gesprächen öfter als sonst Wendungen, die im zu übersetzenden Buch häufig vorkommen.)

    -- When you read phrases frequently, you are more likely to use them yourself.


    Er hatte fast jeden Satz mehrfach umgeschrieben, um den Ton genau zu treffen.

    -- Unless a sentence is very dull and simple, it's pretty common to rewrite it, either immediately when you think of a better alternative, or later when re-reading the text as a whole. It takes seconds.


    Dass ich mir durch Jahrzehnte des Übersetzens den Weg zu einer eigenen Sprache verbaut hatte.

    -- I can't relate to this, though. Just because you are rephrasing someone else's thoughts doesn't mean that you are not expressing things in your own unique manner. Anyone who's ever seen two translations of the same piece of writing will know that they can both be very good but also very different.

    #1Verfasser CM2DD (236324) 03 Aug. 20, 14:37
    Kommentar

    Ich habe die Leseprobe gelesen, weil ich Pascal Mercier mag und wissen wollte, ob ich das Buch lesen möchte.


    Ich habe auch nie Belletristik übersetzt, unterschreibe aber CM2DDs Beitrag, bis auf den letzten Absatz: Da bezieht sich der Protagonist darauf, dass er glaubt, vor lauter Übersetzen keinen eigenen Roman mehr schreiben zu können.

    #2Verfasser penguin (236245) 03 Aug. 20, 15:23
    Kommentar

    I’ve been writing English subtitles for some German video interviews recently. It’s challenging: the sentence structure often takes a new turn half way along or drifts off into nirvana. And then I have to turn it all into a coherent text.

    #3Verfasser Stravinsky (637051) 03 Aug. 20, 15:29
    Kommentar

    Well, if you are busy translating, you might not have the time, or maybe the energy to write a novel. But it doesn't mean you can't develop your "own language". Many well-known translators have also written their own novels; many are actually well-known novelists who also translate.

    #4Verfasser CM2DD (236324)  03 Aug. 20, 15:31
    Kommentar

    Translating means expressing somebody else's thoughts in your own language, in your own words.

    What Mercier hints at is finding one's own voice when writing something original. It doesn't need to be a novel.


    den Weg zu einer eigenen Sprache verbaut --> losing your own voice


    Quoting from Chapter 3:

    ... Es ist etwas Großes, Gewaltiges, wenn man vor jemanden hintritt und ihn fragt, wie seine eigene, seine ganz besondere Stimme klingt, in der Art, wie seine Worte kämen, und der Art, wie die Bilder seiner Phantasie sich formten. (...) Und wie groß muss das Vertrauen in dich selbst gewesen sein, auch wenn du oft gezittert haben wirst! Ich wünschte dass du diesen glühenden, verrückten Willen und das unerschütterliche Selbstvertrauen, aus dem er entstand, noch einmal auflodern ließest und zur Feder griffest, um in ganz eigenen Worten von dir selbst zu erzählen ...

    #5Verfasser penguin (236245)  03 Aug. 20, 15:59
    Kommentar

    I understand the point, but just don't bellieve that that is typical of translators - as I say, there are so many translators who write their own novels, and novelists who write translations, that I can't relate to the idea that translating prevents you from finding your own voice.

    #6Verfasser CM2DD (236324) 03 Aug. 20, 16:43
    Kommentar

    I didn't say I agreed - I tried to explain why I thought Mercier meant something else than what you wrote in #1. He obviously thought it was typical of translators. He also wrote another book about a linguist who had lost his own voice, Perlmanns Schweigen

    #7Verfasser penguin (236245) 03 Aug. 20, 16:47
    Kommentar

    Eigentlich hat CM2DD schon alles dazu gesagt, was auch mir spontan dazu einfällt. Ich kann das alles nur bestätigen, daher nur einige Ergänzungen, die vor allem auf Belletristikübersetzungen zutreffen. Und natürlich kann ich dabei nur für mich und meine Erfahrungen sprechen.


    Wie realistisch ist dieses starke Aufgehen in der Übersetzungsarbeit?

    Erlebt ihr, wenn ihr Belletristik übersetzt, es ähnlich?


    Antworten: Durchaus realistisch und ja.


    Wenn ich mich als Übersetzer/in nicht ganz und gar auf den Autor, auf die Handlung und die Charaktere einlasse, mitfühle, praktisch mitlebe, dann wird das nichts. Dabei ist es unerheblich, ob mir persönlich, also als private/r Leser/in, dieses Werk gefällt oder nicht. Viele der von mir übersetzten Bücher hätten nie den Weg in mein Bücherregal gefunden, wäre ich nicht zum Übersetzen beauftragt gewesen. Aber ich gebe offen zu, dass ich schon hin und wieder am Schluss des einen oder anderen ziemlich banalen Liebesromans mit Happy End ein paar Tränchen vergossen habe, und ebenso beim Übersetzen des einen oder anderen Thrillers Alpträume hatte ...


    Natürlich gehört es auch dazu, beim wirklich sehr gründlichen Lesen jedes Satzes Fehler zu erkennen und - in Absprache mit dem Lektorat des Verlags - entsprechend in der Übersetzung auszumerzen, auch wenn man damit in den Text des Autors eingreifen muss. Das betrifft jedoch hauptsächlich inhaltliche Fehler. (Ich nenne hier als Beispiel immer gern den auf Seite 8 erwähnten roten Pullover, der auf Seite 9 plötzlich grün ist.) Erkennen muss der Übersetzer aber auch, ob bestimmte grammatikalische "Fehler", merkwürdige Ausdrücke, eine ungewöhnliche Satzstellung etc. ein Stilmittel des Autors sind und entsprechend übertragen werden müssen, oder ob es sich tatsächlich um Fehler handelt. Da wir im Deutschen viel stärker mit Wiederholungen hadern, als das im englischsprachigen Raum der Fall ist, muss oft auch etwas ersetzt, gekürzt oder gestrichen werden. (Ich spreche hier, wie gesagt, von Belletristik.)


    Meine eigene Sprache hat das jahrzehntelange Übersetzen von Romanen jedoch nicht beeinflusst. Das glaube ich zumindest. Beschäftigt man sich im Zuge einer Übersetzung lange mit einem oder mehreren bestimmten "neuen" Ausdrücken, kann es aber schon vorkommen, dass man diese unwillkürlich in dem entsprechend Zeitraum auch in privaten Gesprächen verwendet. Das legt sich meistens aber rasch wieder.



    Kann man sich das zeitlich und einkommensmäßig überhaupt leisten?


    Leicht ist das nicht. Beim zeitlichen Aspekt hilft die Routine, beim finanziellen ein gutverdienender Partner oder andere Einnahmequellen ...


    Wer, wie ich, über Letzteres leider nicht verfügt, ist immer am Kämpfen, vor allem in einer teuren Großstadt wie München. Hinzu kommt auch, dass es jederzeit aus diversen Gründen eine Auftragsflaute geben kann, die man sich als Literaturübersetzer nicht leisten kann. Ein zweites Standbein ist also empfehlenswert!


    Ich habe in anderen Fäden zu diesem Thema schon öfter erwähnt,, dass ich früher diverse Nebenjobs angenommen habe, um mir meinen Traumberuf als Literaturübersetzerin leisten zu können. Alters- und gesundheitsbedingt wird das im Laufe des Lebens natürlich nicht einfacher, und die Nebeneinnahmen fallen irgendwann weg. Dann kann man nur hoffen, dass man bei mehreren Verlagen einen Fuß in der Tür hat, regelmäßig Aufträge bekommt und damit seinen Lebensunterhalt einigermaßen bestreiten kann. Und ganz ehrlich: Manchmal kann man sich stundenlanges Grübeln über einen bestimmten Ausdruck dann einfach nicht mehr leisten - weder zeitlich noch finanziell. Traurig, aber wahr!







    #8Verfasser Fragezeichen (240970) 03 Aug. 20, 16:48
    Kommentar

    (Kurzer Einwurf: Obwohl ich kein Übersetzer bin, finde ich diesen Faden sauspannend. Bitte gerne weiter damit!)

    #9Verfasser Jesse_Pinkman (991550) 03 Aug. 20, 19:36
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    Ich freue mich auch über den Faden. Danke dafür, Viking_!


    Soeben ist mir noch etwas zum letzten Punkt, also der Frage nach den zeitlichen und finanziellen Problemen eingefallen, was man auch berücksichtigen muss. Manchmal arbeitet man leider auch praktisch für nichts.


    Ein Beispiel: Vor vielen Jahren habe ich einen sehr spannenden Thriller übersetzt, an dem es an einer Stelle - circa drei Buchseiten - richtig blutig zur Sache ging. Es handelte sich um die Schilderung der Tötung einer Schwangeren und ihres ungeborenen Kinds. Die Übersetzung der Details, die ich euch hier erspare, haben mir Übelkeit bereitet und mich fast zwei Tage und eine schlaflose Nacht gekostet. Ich konnte das einfach nicht im üblichen Tempo übersetzen. (Da sind wir wieder bei dem Thema, wie sehr man in einer Übersetzung drinsteckt.) Als ich dann Wochen später die Fahnen zum Korrekturlesen erhielt, stellte ich fest, dass das Lektorat diese Stelle komplett gestrichen hatte. Begründung: Nicht geeignet für den deutschen Markt.


    Einerseits war ich erleichtert, andererseits aber auch erbost, denn umgerechnet (das vereinbarte Seitenhonorar habe ich natürlich auch für diese Stelle bekommen) habe ich mich damit fast zwei Tage lang umsonst geplagt. Aber so etwas gehört eben auch dazu ...




    #10Verfasser Fragezeichen (240970)  03 Aug. 20, 21:12
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    Vielen Dank an alle für die ausführlichen und informativen Beiträge bisher. Ansonsten schließe ich mich Jesse Pinkman (#9) an: Bitte gerne weiter damit!

    #11VerfasserViking_ (925763) 04 Aug. 20, 07:48
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    Romanübersetzungen und Vertragsübersetzungen erfordern unterschiedliche Herangehensweisen und Fähigkeiten. Literarische Übersetzer hingegen kommen meist auch mit Werbung oder Pressemeldungen gut klar.


    Und ja, man muss zum einen sehr genau und gründlich lesen (können) und zum anderen immer abwägen zwischen Rechercheaufwand und Ertrag.

    #12Verfasser penguin (236245) 04 Aug. 20, 08:21
     
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