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    Reifschneider? - Bandreißer?

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    Reifschneider? - Bandreißer?

    Kommentar

    Ein Bekannter aus Cornwall will deutschen Freunden seinen Familiennamen Hooper erklären und zitiert aus einem uralten englisch-deutschen Wörterbuch Reifschneider und Bandreißer. LEO jedoch übersetzt Hooper als 'Böttcher, Fassbinder', ein Beruf, der auf Deutsch auch Schäffler, Bender, Binder, Böttiger, Böttner, Büttner, Fassmacher, Fassler, Fässler, Kübler, Küffner, Pinter, Simmermacher, Tonnenmacher, Gentner, Kuper, Küfer, Küper, Schedler genannt wird oder wurde.


    Nein, widerspricht Mr Hooper, der 'Hooper' habe nur die hoops (Fassreifen oder Fassbänder) gemacht, nicht das ganze Fass. Die Fassdaube (stake, stave, stay) mache nicht der hooper, sondern der cooper (der für alle oben erwähnten Berufsbezeichnungen der Fassmacherei steht). Auf Deutsch ist/war der Daubenmacher oder Daubenhauer für die Herstellung der Dauben zuständig. - Nun ja, Mr Hooper ist Historiker und kennt seine Vorfahren ...


    Zwei Fragen bleiben:

    a) Wem sind "Reifschneider" und "Bandreißer" schon in diesem Zusammenhang begegnet?

    b) Mit welchem der oben aufgelisteten Wörter bezeichnet man im jeweiligen heutigen Wortschatz den Fassmacher?


    VerfasserMiMo (236780)  06 Jul. 22, 07:54
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    a) Weder in diesem noch in irgendeinem anderen Zusammenhang sind mir diese Wörter je begegnet, und wenn, dann hätte Idee keine Idee gehabt, was damit gemeint sein könnte. Tante Wiki allerdings stimmt dem "uralten Wörterbuch" zu:

    Hölzerne Fassreifen wurden früher von den Reifschneidern oder Bandreißern aus Weiden-, Haselnuss-, Birken- oder Lindenruten gefertigt.


    b) keine Ahnung ...

    #1Verfasserdirk (236321) 06 Jul. 22, 08:07
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    Der Beruf heißt offiziell Böttcher. Küfer oder Büttner (in Franken) oder Schäffler (in Bayern) sind wohl regionale Bezeichnungen. Reifschneider und Bandreißer habe ich noch nie gehört, aber so genau habe ich mich für handwerkliche Fässerherstellung noch nicht interessiert.


    Böttcher/in ist ein 3-jähriger anerkannter Ausbildungsberuf im Handwerk. 

    Böttcher/in - Berufenet - Bundesagentur für Arbeit


    Böttcher/innen verarbeiten unterschiedliche Hölzer zu Fässern und Gefäßen für Weinbau, Brennerei- en und Brauereien, die Landwirtschaft, Papier- und Textilindustrie sowie den Wellnessbereich.

    Steckbrief Böttcher/in - Planet Beruf 

    #2Verfasserzacki (1263445)  06 Jul. 22, 09:20
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    Das DWB dazu:

    reifschneider, m. der handwerker, welcher aus dem reifholze die reifen zurecht schneidet: die reyffschneyder von der Langenwieszen. (1534) Dief.-Wülcker 817.

    https://woerterbuchnetz.de/


    Den Bandreißer hat es nicht.

    #3VerfasserSelima (107) 06 Jul. 22, 09:47
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    Die Ausdrücke kannte ich nicht.

    Mir ist bewusst, dass im vorindustriellen Zeitalter die Berufe viel kleinteiliger waren und tatsächlich der eine die Ringe gemacht hat und der andere die Fassdauben. Und möglicherweise ein dritter das Fass gebaut hat. Aber wie die jetzt alle heißen...?

    #4Verfassertigger (236106) 06 Jul. 22, 13:59
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    Ich habe mich über #0 mit einer japanischen Übersetzerin unterhalten, die literarische Texte (auch aus dem 19. und 20. Jahrhundert) ins Japanische übersetzt. Sie sagte, ein Hauptproblem mit dem Deutschen sei dessen Wortreichtum und der Flut von Synonymen, die einem aus dem deutschen Wortschatz entgegenströmt.


    Für das Handwerk, das mit den zahlreichen Bezeichnungen in #0 genannt wird, gibt es im Japanischen genau zwei Wörter: Oke-ya und taru-ya. Beide Wörter sind in Wadoku als Übersetzung von "Böttcher" vermerkt; dazu kommen die Synonyme "Binder m; Küfer m; Büttner m; Kübler m; Schäffler m." Was der oke-ya herstellt, heißt auf Deutsch "Bottich m; Bütte f; Kübel m; Eimer m; Tönnchen n; Wasserbehälter m."; die Produkte des taru-ya sind "Fass n; Fässchen n; Tonne f.".


    Nach Meinung der japanischen Kollegin ist die Ursache für dieses Phänomen, dass man im Falle der deutschen Schrift- und Standardsprache nicht einen bestimmten Dialekt eines bestimmten Ortes zur Hochsprache gemacht hat (wie im Englischen den Dialekt von London, in Frankreich den von Paris und im Italienischende der Toskana), sondern dass die Deutschen bei der Schaffung des Hochdeutschen aus jedem ihrer ober- mittel- und niederdeutschen Dialekte möglichst viel in die gemeinsame Sprache einbringen wollten.


    Wenn man also als nichtdeutscher Übersetzer in einem Text auf Wörter wie "Reifenschneider" oder "Bandreißer" stößt, was macht man dann? Wohl dem, der ein uraltes deutsches Wörterbuch aus dem 19. Jahrhundert besitzt ...

    #5VerfasserMiMo (236780)  06 Jul. 22, 18:38
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    Ich finds eine plausible Theorie Deiner japanischen Kollegin.


    Allerdings fallen mir zunächst 2 Einschränkungen ein:

    • Aus dem Niederdeutschen ist die Übernahme wohl eher gering  s. linke Grafik, dtv-Atlas 
    • Die These gilt für Wörter wie Böttcher m; Binder m; Küfer m; Büttner m; Kübler m; Schäffler m., nicht aber für Reifschneider und Bandreißer. Das sind spezielle Tätigkeiten. Ich könnte mir vorstellen, dass es im Japanischen ähnliche Spezialisierungen gibt, z. B. bei der Schwertherstellung, beim Schmieden der Klinge und dem Schnitzen des Heftes.
    #6Verfassermanni3 (305129)  06 Jul. 22, 20:17
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    Ehe ich gugeln kann, frage ich mich ob zum Reifschneider und Bandreißer wohl auch der Riemenschneider gehört. Den Namen des großen Holzbildhauers hab ich bislang eher der Gürtelmacherei zugeordnet. Zu Frage a) niemals, b) ?


    Edit: Tatsächlich beschränkte sich der Riemenschreider (lt. Krünitz) auf "lederne Riemen" für allerlei, während der Reifschneider (den der Krünitz nicht kennt, lt DWB, #3) Hölzernes verarbeitete.

    #7VerfasserBambam (48248)  06 Jul. 22, 22:43
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    (OT: Von Wollen kann wohl weniger die Rede sein. Der Sprachreichtum deutscher Dialekte und der Plurizentrismus des Deutschen sind historisch-politisch bedingt. Da kann ein jahrtausendealtes Kaiserreich natürlich nicht mit. :-))
    #8Verfassertigger (236106) 07 Jul. 22, 04:31
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    Die Deutschen sind ja noch harmlos, die Engländer übertreiben es mit snail und slug oder turtle und turtoise, ape und monkey 😅

    #9Verfasserzacki (1263445) 07 Jul. 22, 09:03
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    re #9, das sind die Einflüsse von den Angeln und den Sachsen ... und von den Bretonen und sonstigen Franzosen ... und von den Norwegern und sonstigen Wikingern ... und nicht zu vergessen von den Römern und was es sonst noch an Einwanderern und Eroberern auf die Inseln verschlagen hat ... und ... was nicht verschwiegen werden darf, das was aus den Kolonien an Leuten und deren Vokabular eingeschleppt worden ist ...

    #10Verfasserno me bré (700807)  07 Jul. 22, 10:01
     
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