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    Language lab

    Verliert die deutsche Sprache ihre Gefühle?

    Topic

    Verliert die deutsche Sprache ihre Gefühle?

    Comment

    "Das Englische nimmt zu, weil es immer wieder neue Sachverhalte gibt, die bezeichnet werden müssen, meint Christa Dürscheid, Professorin für Deutsche Sprache."


    Article in the Tages Anzeiger:

    https://newsletter.uzh.ch/goto.php?l=eihzaz.2...


    I thought this might interest some here, though TBH, I found it rather shallow.

    Author amw (532814) 30 Sep 22, 15:24
    Comment

    Naja, das ist wirklich nicht besonders ergiebig. Die Erklärungen in den ersten drei Spalten kannten wir wahscheinlich schon alle, die Beispiele weitestgehend auch. Am ehesten interessant, aber auch nicht neu, ist der letzte Absatz, also so ziemlich die "ganze" zweite Seite.

    #1Author reverend (314585) 30 Sep 22, 17:44
    Comment

    Ich finde, die meisten Ausdrücke im letzten Absatz sind gerade Beispiele, die eben nicht genau das gleiche bedeuten, wie die deutsche "Übersetzung":

    Breakout-Session vs. Gruppenarbeit

    Es triggert mich vs. Ich halte es nicht aus

    ghosten vs. ignorieren

    Nur Meeting und Sitzung würde ich synonym verwenden.


    #2Author senggigi (590817) 30 Sep 22, 22:04
    Comment

    I haven't found many every-day situations (technology aside) where German isn't perfectly adequate to express what's needed. "Es triggert mich"? Fooey!

    #3Author Martin--cal (272273) 30 Sep 22, 23:35
    Comment

    #2: Ich meinte eher die emotionale Distanz, wenn Gefühle in fremder Sprache beschrieben werden. Aus genau diesem Grund wird in Deutschland und anderswo viel lieber "I love you" als "ich liebe dich" gesungen. So verstehe ich den allerletzten Absatz, wie gesagt auf der zweiten Seite.

    #4Author reverend (314585) 30 Sep 22, 23:52
    Comment

    #3

    +1



    Aus dem Artikel:

    Womöglich können wir mit Gefühlen und Arbeitsstress ein bisschen besser umgehen, wenn die sprachliche Distanz dazukommt.


    Diese Aussage (allerletzter Satz und Absatz) zweifle ich an.


    Wenn ich 'shit' statt 'Scheiße' sagen würde, könnte ich mit meinem Ärger in entsprechender Situation nicht die Bohne besser umgehen.

    Wenn mein Kollege zu mir sagen würde: "Hey, Karla, wir müssen uns hier committen" statt "wir müssen uns hier mal besser einbringen", wäre unser Arbeitsstress nicht geringer.


    Ich finde den Artikel auch nicht besonders aussagekräftig, habe mich aber dafür an Sätzen wie diesen "erfreut":


    Social Media sind zudem eine riesige Gefühlsbubble.

    Auch das digitale Daten hat eine Reihe neuer Wörter ins Deutsche gebracht.


    (Wohlgemerkt, das sind keine Beispielssätze für die Verwendung englischer Wörter im Deutschen, sondern Aussagen im Text.)



    #4

    Dein Beispiel mit 'I love you' passt hier mE nicht so gut, weil dies ja ein positives Gefühl ist und im zitierten Satz eher negative gemeint sind IMO.

    #5Author karla13 (1364913) 01 Oct 22, 01:10
    Comment

    Ich hatte nicht den Eindruck, dass die Textaussage sich nur auf negative Gefühle bezieht.

    Die übliche Distanzierung in Gesprächen über die eigene Person geschieht sont durch etwas, das ich "Ver-man/ich-fachung" nenne. Das kann einen ganz schön wütend machen. ("einen" als Akk. von "man" verstanden) Man lehnt das ja eigentlich ab, aber hält dann in der Praxis nicht. // Man ist ja erstmal so erzogen, dass einem Ausländer fremd sind. // Man findet ja oft so Draufgängertypen toll, auch wenn der eigene Mann ganz anders ist. // Man sieht es und ekelt sich davor.

    Etc. pp

    Praktisch immer lassen sich diese Sätze in Ich-Aussagen rückverwandeln, weil sie eben so gemeint sind.


    Eine sprachliche Distanzierung durch Fremdwörter ist doch auch längst etabliert:

    Etwas mehr Contenance bitte - jetzt reißen Sie sich mal zusammen.

    Exotische Frauen sind schon attraktiv - ich fühle mich von Frauen aus mir fremden Ländern besonders angezogen.

    DerTyp ist einfach voll crazy - der Kerl ist wirklich nur verrückt / abgedreht etc.

    Den Lifestyle meiner Eltern finde ich echt zum Cringen - es ist mir peinlich, wie meine Eltern leben.


    Viele Leute bringen nach meiner Wahrnehmung die deutschen Sätze viel schwerer über die Lippen.

    #6Author reverend (314585) 01 Oct 22, 01:30
    Comment

    #6 (eigentlich brauche ich ja um diese Zeit keine Bezugsziffer mehr dazuschreiben 😉)



    können wir mit Gefühlen ein bisschen besser umgehen

    klingt für mich eindeutig nach negativen, schwierigen Gefühlen, denn mit den positiven habe ich ja keine Schwierigkeiten im Damitumgehenkönnen.


    1) Eine sprachliche Distanzierung durch Fremdwörter ist doch auch längst etabliert ©reverend

    versus

    2) Womöglich können wir mit Gefühlen und Arbeitsstress ein bisschen besser umgehen, wenn die sprachliche Distanz dazukommt.  ©Martin Fischer

    sind zwei verschiedene Aussagen:

    1) Ich nehme sprachlich von meiner Aussage (etwas) Abstand, indem ich Frendwörter benutze.

    2) ich kann mit Gefühlen besser umgehen, wenn ich durch die Benutzung von Fremdwörtern eine sprachliche Distanz schaffe.


    Von deinen vier Beispielsätzen kann ich nur im dritten eine gleichwertige Aussage erkennen, die anderen Paare haben mMn zu unterschiedliche Sprachebenen.


    Eine sprachliche Distanzierung durch Fremdwörter ist doch auch längst etabliert:

    Dem widerspreche ich übrigens auch nicht in meiner #5 (und auch sonst nicht).



    Edit:

    Dank an @amw fürs Einstellen.

    #7Author karla13 (1364913)  01 Oct 22, 01:58
    Comment

    reverend: Mit deinen Beispielen in #6 bin ich einverstanden - sie passen viel besser zum Thema als die Begriffe im Artikel.

    #8Author senggigi (590817) 01 Oct 22, 19:50
    Comment

    Re: Womöglich können wir mit Gefühlen und Arbeitsstress ein bisschen besser umgehen, wenn die sprachliche Distanz dazukommt.


    I'm still not at all satisfied with this explanation of the predilection of many speakers for using English words where perfectly good German terms exist, cases where feelings and stress play no role at all; none that I can discern.


    Case in point: a video that was cited in another context, and that I'm currently watching:

    https://www.youtube.com/watch?v=aZaBzeVbLnQ

    At 19:20, Alicia Joe, the speaker, says (if my transcription is correct):


    Wenn man aus dem Verb einer Tätigkeit ein Substantiv für eine Berufsbezeichnung ableitet, dann ist es in vielen Fällen ganz easy in dem man einfach ein Suffix mit "er" nutzt.


    Why "easy"? What's wrong with "leicht"? I really doubt that emotional distance is needed in this case. Does "easy" convey some additional meaning, or have some particular reverberation, or some emotional valence not carried by "leicht"?

    #9Author Martin--cal (272273)  02 Oct 22, 06:06
    Comment

    Es gab einmal eine Epoche in Deutschland, da haben sich die gebildeten und maßgebenden Leute auf Französisch unterhalten, und in den Jahrhunderten zuvor auf Lateinisch. Beide Male kehrte man dann zum Deutschen zurück - und die deutsche Sprache wurde durch Übernahmen aus dem Lateinischen und Frazösischen bereichert.


    Jetzt bereichern die Deutschen ihre Sprache eben durch Anleihe aus dem Englischen - ganz cool und easy ... "I love you" klingt doch geschmeidiger als "ich liebe dich", der Fabrikbesitzer freut sich, dass die Einzelteile "just in time" geliefert werden, "coffee to go" hört sich urbaner an als "Getränke zum Mitnehmen", "fast food" ist kompakter als "Schnelles Gericht" (ein Koch hier im Großraum propagiert sein Programm als "Das schnelle Gericht", aber da denkt man als Deutscher doch eher an eine Justiz, die schnellen Prozess macht).


    Und der moderne Friseur nennt seinen Laden "Short Cut", "Happy Hairy People", "Styling Point", "Hairkiller", "Barbershop", "Atmosphair", "Loox", "Hairdesign", "Perfect Hair", "Hair of Beatrix", "Hair Style", "New Style", "Barber Style". "Golden Hair", "Hair Fantasy", "SADAK YASIN'S CUT'S STYLE", "Haircut by Helal", "Barber House". "Ivy Beauty Lounge", "Crazy Hair", "Hair Club", "The Best Cut", "Loom Hairstyle" - alles Beispiele aus ein und derselben Stadt! ...

    #10Author MiMo (236780)  02 Oct 22, 09:34
    Comment

    #9


    Ich bin dir sehr dankbar, Martin, dass du dich so intensiv mit dem Thema und Video beschäftigst und es im Forum thematisierst (und BenatorsComrade* dafür, dass sie/er es empfohlen* hatte), ich habe es mir gestern auch angeschaut. Mir sind das vollkommen unnötige 'easy', später noch gefolgt von 'obviously' und 'go for it, go for it' auch aufgefallen.


    Ich frage mich ebenfalls: Warum kann man nicht leicht sagen, warum nicht offensichtlich bzw. dann macht das ruhig? Meine Antwort: Es ist einfach cool, lässig und zeitgeistig, die eigenen Aussagen mit ein paar englischen Einsprengseln zu spicken, und schon sollen sie glaubhafter erscheinen.


    Auf mich wirkt das allerdings teilweise affig und lächerlich und führt in manchen Fällen dazu, dass ich die Sprechenden nicht mehr so richtig ernstnehmen kann. Das ist sicher auch eine Frage des Alters, denn wenn inzwischen die Mehrzahl der Menschen hipp spricht, dann ist das eben der zeitgemäße Code, um mitreden zu können und akzeptiert zu werden. Das muss man halt wissen, wenn es um die eigene Art zu sprechen geht.


    Deshalb muss man mE Pauschalaussagen wie "Womöglich können wir mit Gefühlen und Arbeitsstress ein bisschen besser umgehen, wenn die sprachliche Distanz [durch englische Wörter, Begriffe] dazukommt." kritisch betrachten und darf sie anzweifeln, wie ich es in #5 getan habe.


    I really doubt that emotional distance is needed in this case.

    Genau meine These. Es geht hier nicht um emotionale Distanz oder Bewältigung von Gefühlen, es geht, um es mal etwas überspitzt zu formulieren, um sprachliche Augenwischerei. Hört her, ich bin so relaxed und into things, dass ihr einfach believen müsst, was ich conveyen will. Mich stört es, wenn Statements wie solche abgegeben werden, wenn die Sache dahinter nicht richtig durchdacht ist.


    Zu dem Video:

    Ich bin froh, dass ich es gesehen habe, um die Argumentation für "Warum Gendersprache scheitern wird" nachvollziehen zu können. Und daher kann ich nur jeder/m empfehlen, es sich 25 Minuten lang anzuschauen. Meine Meinung: Ihr werdet danach nicht informierter/ schlauer sein, doch am Stammtisch besser mitreden können. Contra oder pro, je nach Grundeinstellung.


    Alicia Joe(ster), ihres Zeichens 'Youtuber' und 'Influencer', ist 26 Jahre alt, wollte "früher mal Raumfahrer werden" und ist durch ihre youtube-Videos über Schminktipps bekannt geworden (alles "Wissen", das ich seit gestern habe ;-) ). Sie hat 500.000 Follower, allein dieses Video wurde 17.000mal teils euphorisch kommentiert. AJ ist keine Linguistin o.ä., sondern hat (meiner Meinung nach) "dem Volk gut aufs Maul geschaut". Heißt, sie vertritt in ihrem Video eine populistische Ansicht, die sie geschickt begründet und 'verkauft'.


    Das Resümee des Videos kurz zusammengefasst: Joe ist gegen Gendersprache in der jetzigen Form, da sie insbesondere Deutschlernende, Seh- sowie Lern"behinderte" und Legastheniker/innen diskriminieren könne, zu kompliziert, inkonsequent und uneinheitlich sei und daher beim Großteil der Bevölkerung nicht angenommen werde.


    Dies sind alles Ansichten, die man in dieser Form geäußert schlecht widerlegen und sogar teilen kann. Was ich daran problematisch finde, ist, dass eine junge Frau allen Ernstes als Lösung vorschlägt, ganz aufs Gendern zu verzichten und z.B. wieder zu Berufsbezeichnungen im generischen Maskulinum zurückzukehren. Diese sollten dann mithilfe geschlechtsspezifischer Adjektive näher bestimmt werden (weiblicher Lehrer). Ihrer Ansicht nach sei bspw. schon die Einführung der weiblichen Form 'Bundeskanzlerin' für Angela Merkel ein sprachlicher Fehler gewesen (22:27).


    Da kann ich nur sagen: Nee, Alicia, dagegen haben Alice und mit ihr genug andere Frauen und Männer lange genug gekämpft, und dorthin wird die deutsche Gesellschaft sprachlich sicher nicht wieder zurückkehren.

    So einen Vorschlag im Jahre 2022 zu machen, finde ich (nach Jahren der Genderdebatte) wirklich geradezu lachhaft.

    Da aber leider bisher keine überzeugende Form des Genderns ge/erfunden wurde, liegen Vorschläge wie diese natürlich nahe. Sie tun der Sache an sich aber keinen Gefallen, da sie zu einfach denken und urteilen. Gendersprache kann mE nur ein Prozess sein; weder eine Haurucklösung noch ein alles-beim-Alten belassen helfen dabei weiter.


    (Last but not least: Als (Neu-)LEOnidin muss ich sagen, dass alle easys dieser Welt mich nicht vom Inhalt überzeugen können, wenn jemand ein sprachliches Thema behandelt und offensichtlich nicht den Unterschied zwischen 'Wörtern' und 'Worten' kennt.)


    *Ich hoffe, dass ich so das richtig in Erinnerung habe.



    Edit: Hatte #10 nicht gelesen, als ich meinen Beitrag schrieb.

    #11Author karla13 (1364913)  02 Oct 22, 12:05
    Comment

    Ich habe bislang nur mitgelesen, möchte jetzt aber - angespornt durch die Aussage in #11


    Auf mich wirkt das allerdings teilweise affig und lächerlich und führt in manchen Fällen dazu, dass ich die Sprechenden nicht mehr so richtig ernstnehmen kann. Das ist sicher auch eine Frage des Alters


    doch meinen Senf dazugeben.


    karla13, wenn du Gesprächspartner, die "easy" statt "leicht" sagen, nicht ernst nimmst, nimmst du dir die Chance, den Menschen hinter der Sprache wahrzunehmen. (Im Übrigen halte ich "leicht" nicht für die adäquate Übersetzung von "easy", sondern das wäre m. E. "einfach"). Ich (Ende 50) gehöre auch zu denjenigen, die Ausdrücke aus fremden Sprachen im eigenen Sprachgebrauch eingeflochten haben, darunter o. g. "easy". Damit einher geht aber eine bestimmte Bedeutung. Wenn ich sage "Das ist so was von easy", dann betone ich, dass man diese Tätigkeit sozusagen aus dem Ärmel schütteln kann. Sage ich "Das ist ganz einfach", klingt immer noch eine gewisse, wenn auch minimale Anstrengung an. Andere "User" des Wortes mögen das auch anders empfinden, aber das ist wohl auch eine Eigenart von Fremdsprach-Wörtern: Man kann sie sich zurechtbiegen.


    Ich habe weder den Artikel gelesen, noch das Video angeschaut, sondern plaudere aus dem Nähkästchen, also aus meinen eigenen Erfahrungen. Die Annahme, Wörter aus anderen Sprachen ins Deutsche zu übernehmen, habe etwas mit dem Alter zu tun, halte ich für nicht richtig. Bereits in den 1960ern und 70ern, besonders ab den 80ern spickte man das Deutsche mit hauptsächlich englischen Wörtern. Das liegt sicher an der Kultur in Deutschland, die nun einmal - z. B. besonders, was Musik angeht! - sehr englisch geprägt ist. Ich erinnere mich an einen Artikel, den ich vor Jahrzehnten las, über das Duo "Modern Talking" und deren Hit "You're My Heart, You're My Soul". Bereits damals erklärte der Verfasser, dass die Popularität des Songs darauf beruhe, dass es ja viel besser klingt/cooler ist, so etwas auf Englisch auszudrücken, anstatt zu singen: "Du bist mein Herz, du bist meine Seele." Das wäre dann unterste Schlager-Schublade.


    Ein weiteres Beispiel dafür, dass einem englische Begriffe leichter von den Lippen kommen, ist eine Erfahrung, die ich Anfang der 1990er als teaching assistant in Nordirland gemacht habe: Vor einer Klasse von 12-/13-jährigen Schüler:innen stehend, wollte ich mich lässig auf eine Tischkante setzen. Der Tisch kippte, ich rutschte ab und mir entfuhr ein erschrockenes "Shit!", das ich zu dem damaligen Zeitpunkt regelmäßig von mir gab, statt des deutschen Äquivalents. Die Kids haben fast einen Herzinfarkt bekommen, weil eine "Lehrerin" so ganz offen "Scheiße!" sagt. Der fremdsprachliche Mantel, den ein solches Wort umgibt, kann es verharmlosen, aber auch glatter machen, leichter verdaulich.


    "Kids" benutze ich übrigens z. B. dann, wenn das deutsche "Kinder" zu jung/klein klingt und ich ein Übergangsalter zwischen Kindern und Jugendlichen ausdrücken will.


    So gesehen finde ich, dass diese fremdsprachigen Ausdrücke meinen eigenen Wortschatz durchaus erweitern, statt deutsche Begriffe (die ich ja trotzdem noch verwende) zu ersetzen.


    Noch zu einer Aussage in #7: ... denn mit den positiven [Gefühlen] habe ich ja keine Schwierigkeiten im Damitumgehenkönnen.


    Das ist schön, wenn du selbst damit keine Schwierigkeiten hast, aber es gibt Menschen, denen geht es ganz anders. Ich erinnere mich an unzählige verheulte Weihnachtsfeste, als ich noch ein Kind war, weil mein Vater mit der feierlichen, liebevollen und gefühlvollen Stimmung nicht umgehen konnte.

    #12Author fehlerTeufel (1317098)  02 Oct 22, 12:45
    Comment

    Re "verheulte Weihnachten": Dann war das aber kein reines positives Gefühl.


    Nachtrag: Auch bei uns wurden an Weihnachten geheult, allerdings aus Rührung - das ist ein schönes Heulen. Die Person musste auch aus Rührung Tränen vergießen, wenn es neugeborene Tierchen in der Hand hielt.

    #13Author Selima (107)  02 Oct 22, 14:21
    Comment
    Selima, derjenige, der mit seinen (positiven) Gefühlen nicht umgehen konnte und auf Abwehr geschaltet hat, war mein Vater.
    Geheult habe ich.
    #14Author fehlerTeufel (1317098)  02 Oct 22, 15:32
    Comment

    Zu #12


    Wie schön, dass sich hier zu dem Thema eine kleine Diskussion entspannt, fehlerTeufel. Danke für deine Gedanken aka Senf, u.a. auch zu #6 und #11.


    Ich glaube, wir denken über die Sache selbst gar nicht so unterschiedlich. Ich hatte mich in meinen Beiträgen ja vorrangig auf die Pauschalaussagen im Artikel und die Grundaussage im Video bezogen.


    karla13, wenn du Gesprächspartner, die "easy" statt "leicht" sagen, nicht ernst nimmst, nimmst du dir die Chance, den Menschen hinter der Sprache wahrzunehmen.

    Ich hoffe, dass ich nicht so undifferenziert formuliert habe, und wenn doch, dann tut mir das leid.

    Also: Ich nehme grundsätzlich jede/n Gesprächspartner/in ernst (und bemühe mich, sie/ ihn hinter ihren/ seinen Worten wahrzunehmen). Das fällt mir zugegebenermaßen schwerer, wenn ich merke, dass mich jemand mit ihren/ seinen easys (Stellvertreter für englische Füllwörter, die nichts zur Sache beitragen, sondern nur cool-lässig wirken sollen) quasi einlullen möchte (damit das Thema nicht mehr im Mittelpunkt steht), dann werde ich nämlich hellhörig. Dies kann übrigens sogar für die Person unbewusst ablaufen.


    Will sagen: Nur, weil jemand seine Aussagen mit englischen Zeitgeistbegriffen würzt, wirken die Aussagen an sich (für mich) nicht glaubwürdiger, sondern nur hipper (gefälliger) verpackt.


    Ich (Ende 50) gehöre auch zu denjenigen, die Ausdrücke aus fremden Sprachen im eigenen Sprachgebrauch eingeflochten haben, darunter o. g. "easy".

    Ich benutze selbstverständlich auch viele englische Begriffe und Wörter, insbesondere im Berufsleben, und finde sie auch r/wichtig, wenn es keine passenden deutschen Wörter/ Bezeichnungen gibt. Natürlich zoome, whatsappe, skype ich. Mache Videocalls etc.


    Aber gerade easy, egal ob mit leicht oder einfach übersetzt, habe ich noch nie gebraucht (im Sinne von benötigen), um mich ausdrücken zu können. Ich bin nicht besonders verstaubt (hoffe ich), aber ich persönlich käme mir mit easy albern vor. Meine "Denke" und Persönlichkeit drücken sich nicht durch ein lässiges cringe aus, wo ich doch mit 'fremdschämen' ein wunderbares deutsches Verb zur Verfügung habe.


    [Das Beispiel im Artikel: Jogger überrennt fast Fußgänger. Der erste sagt sorry, der zweite easy. Sorry, aber ich finde das hier affig und unnötig. Warum nicht 'tschuldigung -- macht nichts?

    Beispiel im Video: Zitat: "Wenn man aus dem Verb einer Tätigkeit ein Substantiv für eine Berufsbezeichnung ableitet, dann ist das in vielen Fällen ganz easy." Warum easy?, wie Martin mE ganz richtig fragt. Die Sprachebene ist anders, sowohl einfach als auch leicht würden dasselbe aussagen.]


    Wenn ich sage "Das ist so was von easy", dann betone ich, dass man diese Tätigkeit sozusagen aus dem Ärmel schütteln kann. Sage ich "Das ist ganz einfach", klingt immer noch eine gewisse, wenn auch minimale Anstrengung an.

    "Das ist so was von easy" sage ich als 57-Jährige nicht -- im Gegensatz zu meiner 17-jährigen Nichte. Ich sage

    "Das ist so was von einfach", und das passt auch zu mir. Ich finde auch nicht, dass meine Version angestrengter klingt. Ich empfinde sie in diesem Fall als altersgemäß.


    Andere "User" des Wortes mögen das auch anders empfinden, aber das ist wohl auch eine Eigenart von Fremdsprach-Wörtern: Man kann sie sich zurechtbiegen.

    Ja! Volle Zustimmung!


    Die Annahme, Wörter aus anderen Sprachen ins Deutsche zu übernehmen, habe etwas mit dem Alter zu tun, halte ich für nicht richtig.

    Ich auch nicht. Das halte ich für eine Pauschalaussage, da bin ich vollkommen deiner Meinung.

    Ich denke ja, das hat etwas mit der Persönlichkeit, dem Umfeld und Kontext sowie der Selbstwahrnehmung zu tun. Ich käme mir auch blöd vor, wenn ich statt SMS Textnachricht sagen würde. Ebenso blöd käme zumindest ich mir vor, wenn ich unter 20-Jährigen plötzlich anfangen würde, so zu sprechen, wie sie es tun. Das fänden sie wahrscheinlich auch eher awkward.


    Das liegt sicher an der Kultur in Deutschland, die nun einmal - z. B. besonders, was Musik angeht! - sehr englisch geprägt ist.

    Ja, das denke ich auch.


    Ich erinnere mich an einen Artikel, den ich vor Jahrzehnten las, über das Duo "Modern Talking" und deren Hit "You're My Heart, You're My Soul". Bereits damals erklärte der Verfasser, dass die Popularität des Songs darauf beruhe, dass es ja viel besser klingt/cooler ist, so etwas auf Englisch auszudrücken, anstatt zu singen: "Du bist mein Herz, du bist meine Seele." Das wäre dann unterste Schlager-Schublade.

    Klar, für Deutsche klingt das cooler. (Gerade fällt mir auf, cool halte ich für ein sehr passendes Wort für die deutsche Sprache, denn einen vergleichbaren Ausdruck im Deutschen gibt es mAn nicht. Also benutze ich es auch.) Für ENS klingt der englische Titel aber bestimmt so wie fur uns "Du bist mein Herz, du bist meine Seele." Also ebenfalls unterste Schnulzenschublade.


    Zu deinem shit-Beispiel: Waren das nordirische Schüler/innen? Dort hätte das Wort ja seine Berechtigung und Sprachheimat.


    "Kids" benutze ich übrigens z. B. dann, wenn das deutsche "Kinder" zu jung/klein klingt und ich ein Übergangsalter zwischen Kindern und Jugendlichen ausdrücken will.

    Kids ist ein gutes Beispiel. Kinder klingt für die Gemeinten viel zu behäbig. Das Wort Kids benutze ich auch, wenn es inhaltlich passt. Ich würde aber durchaus von Schulkindern und nicht Schulkitz ;-) sprechen, wenn sie das entsprechende Alter und Benehmen (wertungsfrei gesprochen) haben.


    So gesehen finde ich, dass diese fremdsprachigen Ausdrücke meinen eigenen Wortschatz durchaus erweitern, statt deutsche Begriffe (dich ich ja trotzdem noch verwende) zu ersetzen.

    Zustimmung. Wenn es nicht das ist, was ich als englische Füllwörter bezeichne: sorryy, too much, crazy, nice gehören auch dazu.


    Das ist schön, wenn du selbst damit keine Schwierigkeiten hast, aber es gibt Menschen, denen geht es ganz anders.

    Ich hatte mich mit meiner Aussage auf reverends "Ich liebe dich -- I love you"-Beispiel bezogen. Der von mir geliebte Mensch würde sich zurecht wundern, wenn ich zu "ihm" I love you sagen würde, wenn doch Ich liebe dich meinem Gefühl entspricht. Zu I love you habe ich kein Gefühl. Das würde für mich tatsächlich Distanz ausdrücken, und die habe ich zu diesem Menschen nicht. So wars gemeint.


    Ich erinnere mich an unzählige verheulte Weihnachtsfeste, als ich noch ein Kind war, weil mein Vater mit der feierlichen, liebevollen und gefühlvollen Stimmung nicht umgehen konnte.

    Das tut mir leid für dich (völlig ironiefrei), und das kann ich gut nachvollziehen. Trotzdem verstehe ich gerade den Bezug nicht. Hättest du weniger geheult, wenn dein Vater seiner offensichtlichen Sprachlosigkeit mit englischen Wörtern abgeholfen hätte?


    #15Author karla13 (1364913)  02 Oct 22, 16:04
    Comment
    Wenn es meinem Vater geholfen hätte, mit seinen Gefühlen klarzukommen, wäre das sicher dem Familienfrieden zuträglich gewesen.
    Ich sage nicht, dass es ideal ist, wenn man sich hinter einer fremden Sprache versteckt. Ich sage nur, dass es für einige Menschen einfacher sein könnte, Gefühle - eben auch positive - "ummantelt" auszudrücken.
    Mein Vater kann kein Englisch, hat schon mit Deutsch so seine Probleme.

    Das "Modern Talking"-Beispiel: Genau das wollte ich damit sagen: Für deutsche Ohren klingt der englische Titel cool, für englische (möglicherweise) grauslig. Es geht ja um die Wahrnehmung einer Sache, ausgedrückt durch eine fremde Sprache, die Distanz schafft.
    #16Author fehlerTeufel (1317098)  02 Oct 22, 16:58
    Comment

    Zu #8 @senggigi


    reverend: Mit deinen Beispielen in #6 bin ich einverstanden - sie passen viel besser zum Thema als die Begriffe im Artikel.


    Ich finde, die Begriffe im Artikel passen sehr gut zum Thema:

    easy, sorry, «Das ist crazy», «Langsam wird’s mir too much», «Das war irgendwie awkward»; «Ich kann das nicht handeln», «Das triggert mich», «Wir müssen uns hier committen», «Er ghostet mich»; «OMG», «TMI»; «What the fuck», «shit», «damn»; «cringe», googlen, whatsappen, zoomen, swipen, matchen.


    Ich stimme auch deiner #2 zu.


    Von reverends Beispielsätzen in #6 passen mMn nur der dritte und vierte zum Thema des Artikels, da es ja nicht um Fremdwörter (Contenance, exotisch, attraktiv) geht, sondern um englische Wörter.


    Meines Erachtens drückt dieser Satz aus dem Artikel den Sachverhalt recht gut aus:

    Verknappt könnte man sagen: Das Englische ist gegenüber dem Deutschen besonders durchsetzungsfähig, wenn es neue gesellschaftliche Phänomene zu benennen gilt.

    #17Author karla13 (1364913) 02 Oct 22, 21:27
     
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