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    Quasselzimmer

    Leo liest: Der Erinnerungsfälscher von Abbas Khider

    Betrifft

    Leo liest: Der Erinnerungsfälscher von Abbas Khider

    Kommentar

    Wie besprochen, werden wir das Buch in einem Rutsch lesen und anschließend darüber sprechen.


    Da Martins Buch zwischen dem 8. und 14.12. kommen soll, können wir vielleicht am 19.12. mit der Diskussion beginnen.


    Hier zur Erinnerung der Buchtitel-Sammelfaden.


    Änderungsvorschläge zum Ablauf bitte im Buchsuchfaden.


    Ich freue mich auf die gemeinsame Lektüre.

    Verfasser Red Poppy (876587) 01 Dez. 22, 14:39
    Kommentar

    So. Buch ist gebraucht für unter 10 Euro bestellt und soll Donnerstag bei mir eintreffen. Dann bin ich beim Diskutieren auf jeden Fall mit dabei.

    #1Verfasser Hassos Frauchen (270200) 05 Dez. 22, 07:30
    Kommentar

    It's getting closer!


    Tracking ID: 9241990289105009217866


    Tuesday, December 6   

    8:15 PM   Package arrived at a carrier facility.

    5:59 PM   Package arrived at a carrier facility.

    5:55 PM   Package arrived at a carrier facility.

    5:14 PM   Package left the carrier facility.

    5:11 PM   Package left the carrier facility.

    1:51 PM   Package arrived at a carrier facility.

    12:36 PM   Package arrived at a carrier facility.

    Monday, December 5   

    3:30 PM   Package left the carrier facility.

    Sunday, December 4   

    5:50 PM   Package arrived at a carrier facility.


    Or, if it's not getting closer, at least it's moving around...🙂

    #2Verfasser Martin--cal (272273) 07 Dez. 22, 06:34
    Kommentar

    It's here!


    Wednesday, December 7

    3:06 PM Package delivered.

    6:10 AM Package is out for delivery.

    4:06 AM Package arrived at a carrier facility.


    (And, I've already started to read it. I feel confident I'll be able to join a discussion that starts on the 19th.)

    #3Verfasser Martin--cal (272273)  08 Dez. 22, 06:04
    Kommentar

    Meins ist auch da! Und ich habe auch schon angefangen, zu lesen.

    Auf die Diskussion bin ich echt gespannt ...

    #4Verfasser Hassos Frauchen (270200) 08 Dez. 22, 06:53
    Kommentar

    The gate is open; let the discussion begin! (This time I'll let someone else have the first word.)

    #5Verfasser Martin--cal (272273) 19 Dez. 22, 05:11
    Kommentar

    Dann starte ich mal mit der Diskussion!

    Zunächst fand ich mich schwer in das Buch hinein. Das lag nicht daran, dass es nicht gut geschrieben ist. Ich finde den Schreibstil von Herrn Khider angenehm zu lesen. Aber meine erste Reaktion war: "Au weia! Ich bin ein Rassist!"

    Erst im zweiten Teil (wo Said Al-Wahid nach Bagdad reist und seine eigene Geschichte "erinnert"), tut er mir leid und ich bin nicht mehr mit "gesträubten" Nackenhaaren am Lesen.


    Wie empfindet ihr einen solchen Satz?

    ... Es war besser, wenn die weißen Inländer solche Angelegenheiten unter sich erledgten. Wohnungssuche, Termine aller Art, Formalitäten sollten jemand wie Said nie alleine angehen. Das war das Terrain der Einheimischen. Ihre Tätigkeit gab den Sachbearbeitern, Beamten und Angestellten das Gefühl, etwas Besonderes zu sein, etwas Göttliches ...


    Meine erste Reaktion war: dann geht doch dahin zurück, wo du hergekommen bist, wenn du es in D-Land so Scheiße findest.

    Ich weiß, das ist hart und wenn man weiterliest, wird einem die Hoffnungslosigkeit bewusst, dass so jemand wie Said Al-Wahid in der Lotterie der Geburt eine Niete gezogen hat. Seine Heimat in Bagdad ist pures Chaos. Da will keiner freiwillig leben. Aber er hat es auch nicht in sich, sich in einem fremden Land zu integrieren. Es ist egal, ob er in Deutschland, Frankreich oder Kanada wäre. Ich glaube nicht, dass er je wirklich Anschluss an sein neues Land finden wird, trotz Frau und Kind.

    Mich hat das Buch deshalb sehr betroffen gemacht. Ich bin wirklich froh und dankbar, dass ich in der Lotterie der Geburt hier in D-Land aufwachsen durfte. Aber ich habe auch keine Ideen, wie man solche Leute wie den Said Al-Wahid überhaupt irgendwo integrieren könnte. Vielleicht in einem Nachbarland vom Irak, wo zumindest die Kultur und Religion nicht so fremd sind.

    Es ist auf jeden Fall ein lesenswertes Buch. Aber es bringt in mir nicht die besten Seiten zum Vorschein. Darüber werde ich wohl noch eine Weile nachdenken.

    #6Verfasser Hassos Frauchen (270200) 19 Dez. 22, 07:37
    Kommentar

    Ich musste mich regelrecht durch das Buch quälen.

    Bei mir lag es nicht am Thema, sondern am Schreibstil. Die Art, wie die Geschichte erzählt wird, hat etwas Zerrissenes, Abgehacktes, dieser ständige Wechsel zwischen Vergangenheitsform und Gegenwart ... Das fand ich sehr anstrengend und unbequem zu lesen. Das ist natürlich der Zerrissenheit des Protagonisten geschuldet, der ein Leben zwischen Vergangenheit und Gegenwart führt und sich nirgends zugehörig fühlt.


    Was die Empfindungen angeht, die der Protagonist dem Leben in Deutschland entgegenbringt, ging es mir ähnlich wie Hassos Frauchen. Es ist halt unangenehm, den Spiegel vorgehalten zu bekommen und zu erfahren, wie jemand, der eigentlich nicht hier sein möchte, die Behandlung, die ihm in der Fremde zuteil wird, sieht und fühlt. Und Al-Wahid ist halt auch nur ein Mensch: Er meckert, wenn ihm was nicht passt, wenn er Geld für Anwälte und Behörden bezahlen muss. Würden wir wahrscheinlich auch machen.

    Dennoch, er war mir nicht sympathisch. Er kommt verdrießlich rüber, nie zufrieden mit dem, was er hat. Seine Frau sieht er als "Stütze", die ihm das Leben in Deutschland erleichtert, reagiert eher gereizt und genervt auf sie als liebevoll. Von Liebe ist in dieser Beziehung nie die Rede.

    Die Erzählungen des Lebens und seiner Erfahrungen im Irak fand ich interessant und faszinierend. Und da hatte ich auch das Gefühl, dass die Sprache flüssiger und geschmeidiger wird. Weil er im Grunde (im Geiste) immer noch dort ist? Ich spürte das Bedauern über das, was mit seinem Land geschah und geschieht, das Bedauern, dass er auch dort nicht mehr hingehört.

    Und dann die für mich große Frage: Was soll das mit den "gefälschten" Erinnerungen? Was hat dieser titelgebende Aspekt für eine Funktion in der Geschichte? Soll diese Krankheit auf ein Trauma hinweisen, das nicht thematisiert wird? Oder ist es unabhängig von dem Thema "Flüchtling/Vertriebener" nicht mehr als das: eine Krankheit?

    Jedenfalls wird der Erzähler dadurch vollkommen unglaubwürdig. Ich habe mir während des Lesens, während Al-Wahid seine Erinnerungen erfindet, ständig die Frage gestellt, ob das, was ich da vorgesetzt bekomme, überhaupt die Wahrheit ist. Letztlich könnte die ganze Geschichte, all das, was ihm "passiert" ist, ein Ausbund seiner Fantasie sein.

    #7VerfasserfehlerTeufel (1317098)  19 Dez. 22, 08:49
    Kommentar

    Ich habe nicht auf die Uhr geschaut, aber ich denke, ich habe weniger als zwei Stunden für das Buch gebraucht. Was kann man daraus schließen:


    • Das Buch ist nicht überlang.
    • Das Buch ist sprachlich nicht überkompliziert.
    • Ich habe mich nicht sehr gelangweilt.

    Als ich dann fertig war, fiel mir ein, dass wir ja darüber diskutieren wollen und ich fragte mich, worüber ich denn diskutieren möchte. So richtig fiel mir nichts ein. Es passiert ja (wie so oft bei unseren Büchern) nicht viel und schon gar nichts Überraschendes. Tatsächlich habe ich beim Lesen hin und wieder gefragt, ob es noch irgendeine Überraschung gibt, aber die gab es bis zum Schluss nicht. Einige gut beobachtete Details über das Leben von Ausländern in Deutschland gibt es, aber auch da war nichts wirklich Neues dabei.


    Zu #6

    Wie empfindet ihr einen solchen Satz?


    Hmm, da ist meine Reaktion eine ganz andere als Deine, Hassos Frauchen. Was da steht, ist doch einfach die Wahrheit. Wenn ein Ausländer versucht, solche Kontakte aufzunehmen, ist die Gefahr sehr groß, dass er wegens eines Ausländerseins schon bei diesem ersten Schritt ausscheidet. Da ist es einfach klug, dass man als Ausländer einen deutschen Freund einschaltet. Das ist doch ein Beispiel für gelungene Integration, zu der ja auch gehört, dass man sich an die Eigenheiten der Eingeborenen anpasst.


    Ich finde übrigens wirklich, dass der Protagonist sich sehr ordentlich in der deutschen Wirklichkeit integriert hat. Integrieren heißt doch nicht, dass man alles, was einen früher ausgemacht, aufgibt.

    #8Verfasser harambee (91833)  19 Dez. 22, 10:57
    Kommentar

    Mir ging es mit dem Buch so, wie harambee es beschreibt. Auch ich habe darauf gewartet, dass etwas passiert, zum Beispiel, dass "gefälschte Erinnerungen" so richtig in den Mittelpunkt rücken.


    Ich habe mich kürzlich mit Freunden darüber unterhalten, wie trügerisch doch eigene Erinnerungen sind. Woran erinnere ich mich wirklich, was weiß ich nur aus Erzählungen und von Fotos?



    #9Verfasser Red Poppy (876587) 19 Dez. 22, 11:28
    Kommentar

    Zum Titel: Das ist einfach eine Tatsache und keine Krankheit - Erinnerungen sind fließend und verändern sich mit der Zeit.


    Zur Wahrnehmung der Integration: Da geht es mir eher wie harambee als wie fehlerTeufel oder Hassos Frauchen, sich helfen zu lassen ist ein Beleg für gelungene Integration.


    Ich fand die Grundstimmung im übrigen optimistisch und die Beschreibung des Besuchs in Bagdad gelungen.


    Leider reißt Khider viele Themen nur an, aber man spürt trotzdem, dass ihm das Thema wichtig ist. Das sollte es für uns auch sein. Ich fühlte mich stellenweise an die Erzählungen meines Manns erinnert, der unmittelbar nach dem Brexit die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt hat. Er ist hier aufgewachsen und spricht auch besser Deutsch als Englisch, deshalb wurde er auf dem Ausländeramt auch halbwegs freundlich behandelt. Was er aber mitbekommen hat, galt das keineswegs für die etwas anders aussehenden Antragsteller.

    #10Verfasser penguin (236245) 19 Dez. 22, 11:40
    Kommentar

    Als ich dann fertig war, fiel mir ein, dass wir ja darüber diskutieren wollen und ich fragte mich, worüber ich denn diskutieren möchte.


    Also wir diskutieren doch schon 🙂


    Interessant, dass ihr das Buch als "handlungsarm" empfindet. Für mich hat das Buch eine klare Handlung. Said bekommt die Mitteilung, dass seine Mutter in Bagdad in Sterben liegt und beschließt, zu ihr zu fahren. Während der (etwas umständlichen) Reise erinnert er sich an seine Kindheit und an die Zeit der Flucht, sowie die erste Zeit in Deutschland. Als er dann angekommen ist, vergleicht er seine alten Erinnerungen mit der neuen Wirklichkeit.

    Dabei wird klar, dass er selbst viel vergessen/verdrängt hat.

    Ich habe mich gefragt, was diesen Erinnerungsverlust verursacht hat. Darüber könnte man spekulieren. Ich vermute, einiges an der Kindheit und Flucht war traumatisch, so dass er sich gar nicht daran erinnern will.


    Aber auch mir geht es selbst so, dass meine Schwester ganz andere Dinge aus unserer gemeinsam verbrachten Kindheit im Gedächtnis behalten hat. Sie ist dann immer verblüfft, was ich noch weiß und sie vergessen hat. Und meine Kindheit war überhaupt nicht traumatisch. Nur lange her!

    #11Verfasser Hassos Frauchen (270200) 19 Dez. 22, 11:42
    Kommentar

    Ich denke, es ist ein Unterschied, ob man sich an Dinge "geschönt" oder "verändert" erinnert oder ob - wie in diesem Fall - ein massiver Gedächtnisverlust vorliegt. Das stellt für den Protagonisten selbst ja ein Problem dar. Es wird ihm ja auch angeraten, deswegen einen Arzt aufzusuchen, soweit ich mich erinnere. Und es sind auch keine Kleinigkeiten, die "verlorengehen", sondern ganze Abschnitte oder Menschen (wie der Mann, mit dem er zusammen flieht und gemeinsam wieder eingefangen wird. In seiner Erinnerung gibt es diesen Mann gar nicht mehr, und er hält sich auch längere Zeit in Ägypten (?) auf, findet dort Arbeit, etc.) Das ist schon massiv.

    Dass man im Alter viele Dinge vergisst, ist normal. Aber Al-Wahid ist ja noch jung! Ein junger Mann, junger Vater, junger Ehemann. Da finde ich solche Erinnerungslücken schon bemerkenswert.

    Nach wie vor frage ich mich, was der Autor damit bezweckt.

    @penguin: Ich habe gar nicht abgestritten, dass der Protagonist integriert ist; das finde ich auch. Er hat nur einfach an sehr vielem etwas auszusetzen. Aber das ist keine Sache von mangelnder Integration; im Meckern sind wir Deutschen ja hin und wieder auch Meister.

    #12VerfasserfehlerTeufel (1317098)  19 Dez. 22, 12:04
    Kommentar

    Er hat nur einfach an sehr vielem etwas auszusetzen.

    Ja, und durchaus zu Recht. Manchmal muss man ja die Sicht von außen haben, um Mißstände zu entdecken und aufzudecken.

    Und seine Erinnerungslücken sind vermutlich Flucht- und Kriegstraumata geschuldet.

    #13Verfasser penguin (236245) 19 Dez. 22, 12:10
    Kommentar

    Genau, penguin, das meinte ich mit "den Spiegel vorgehalten bekommen". Ich musste auch schlucken bei den Schilderungen, fand sie aber durchaus glaubwürdig und seine Reaktionen (meistens) verständlich.

    Dieses Trauma/dieses Traumata hätte/n mich durchaus interessiert. So, für sich allein stehend, finde ich die Erinnerungslücken nicht schlüssig.

    #14VerfasserfehlerTeufel (1317098) 19 Dez. 22, 12:21
    Kommentar

    Es gibt von meinen Reisen auch viele konkrete Begegnungen, an die ich mich jetzt nicht mehr erinnern kann. Wenn Erinnerungsfetzen hochkommen, bin ich manchmal keineswegs sicher, dass ich das wirklich erlebt habe. Ich halte das für normal. Ich sage nicht, dass das Gleiche ist, aber das Gedächtnis ist schon manchmal schwierig. Allerdings deutet der Titel des Buches schon an, dass diese Erinnerungslücken für das Buch wesentlich sind. Das habe ich beim Lesen aber nicht so empfunden.

    #15Verfasser harambee (91833) 19 Dez. 22, 12:28
    Kommentar

    Mir ist das Buch in meiner Stadtteilbibliothek quasi in die Hände gefallen, so dass ich nun doch mitdiskutieren kann. Ich habe das Buch nicht ungern gelesen, aber insgesamt hat es mich leider nicht so richtig überzeugt.


    Bei den fehlenden bzw. "gefälschten" Erinnerungen ging es mir so wie einigen von euch. Obwohl Said ja angeblich kaum Erinnerungen hat, schildert er uns dann doch sehr detailliert eine Reihe von Ereignissen aus seiner Vergangenheit. Hin und wieder wirft er ein, dass alles aber ganz anders gewesen sein könnte. Das ist für mich zunächst ein klassischer Hinweis auf erzählerische Unzuverlässigkeit, weswegen ich bis zuletzt erwartet habe, dass Saids falsche Erinnerungen nach seiner Ankunft in Bagdad in irgendeiner Weise mit der Wirklichkeit kollidieren, oder mit den Erinnerungen der Menschen, die ihn vor seiner Flucht kannten. Dass das nur ansatzweise geschieht (nämlich in der Szene, in der Said auf dem Dach schlafen möchte, und auch da nur in Bezug auf das Fehlen von Erinnerungen, nicht auf das Verfälschen derselben) hat mich irritiert, da das titelgebende Motiv dadurch etwas unausgereift in der Luft hängt und keine erzählerische Funktion hat.


    Vielmehr spielt das Vergessen und Erfinden wohl bloß auf der thematischen Ebene eine Rolle, nämlich als Strategie zur Bewältigung einer traumatischen Vergangenheit. Aber auch dieses durchaus interessante Thema wird für mich nur sehr oberflächlich behandelt. Da hilft es auch nicht, dass der Autor mit der "Taube" von Süskind ein anderes Werk in die Handlung einfließen lässt, in dem es ebenfalls um Realitätsvermeidung und -verzerrung als Traumareaktion geht. Fand ich irgendwie faul – statt das Thema selbst anständig zu beleuchten (gerne zusätzlich, dann hätte ich den Verweis auf Süskind auch gut gefunden), lässt der Autor einfach "Die Taube" dafür herhalten. :-)

    #16Verfasser dulcinea (238640) 19 Dez. 22, 12:38
    Kommentar

    Mich haben die Ungereimtheiten nicht gestört. Dass die Erinnerungen auch gefälscht sein können, ändert nichts an ihrer Gültigkeit: Es hätte so sein können.

    Er betont das meiner Meinung nach mehrfach, um darauf hinzuweisen, dass er einiges im Roman auch erfunden haben könnte bzw. hat. Aber das ist ja irgendwo auch die Funktion eines autofiktionalen Romans.

    #17Verfasser penguin (236245) 19 Dez. 22, 12:57
    Kommentar

    re: die Taube

    Ich kenne das Buch von Süßkind nicht und hatte daher eine ganz andere Idee, warum der Autor dieses Werk in die Geschichte einbringt.

    Für mich war das Werk eines deutschen Autors der Grund, warum Said am Ende in Deutschland landet. Er mochte das Buch und hatte auf seiner ziellosen Flucht ja kein konkretes Land als Reiseziel (oder habe ich da was überlesen?). Also hat er aus einer Laune heraus den Entschluss gefasst, in das Land des Autors zu gehen. Wenn er ein französisches Buch gelesen hätte, wäre er möglicherweise dorthin gereist.


    Es wunderte mich schon, warum Said ganz alleine loszieht. Warum lässt er seine Mutter und Geschwister zurück? Warum gehen die nicht alle? Und wie alt sollte Said sein, als er loszieht?



    #18Verfasser Hassos Frauchen (270200) 19 Dez. 22, 13:16
    Kommentar

    Aber auch in der letzten Flüchtlingswelle sind viele junge unbegleitete Männer hier angekommen, die haben es wohl einfacher gehabt, ohne Mutter und kleinere Geschwister zu fliehen.

    Khider wurde wegen politischer Aktivitäten inhaftiert und gefoltert. Ich erinnere mich nicht, ob zu Said etwas dazu im Buch steht, was aber durchaus sein könnte.

    #19Verfasser penguin (236245) 19 Dez. 22, 14:40
    Kommentar

    Nein, über Folter steht nichts in dem Buch. Allerdings hatte ich beim Lesen unterschwellig oft das Gefühl, dass der Erzähler etwas verschweigt, vielleicht tatsächlich eine Erinnerung, die er unterdrückt. Aber belegen kann ich das Gefühl nicht.

    Wie versteht ihr eigentlich die letzte Seite, dieses kurze Gespräch zwischen Vater und Sohn über einen Besuch in Bagdad?

    #20VerfasserfehlerTeufel (1317098) 19 Dez. 22, 14:43
    Kommentar

    Damit wusste ich auch nicht recht etwas anzufangen. Der Sohn erinnert den Vater an sein Versprechen, dieser wird es aber wohl nicht einlösen können, Stichwort Flughafenschließung.

    #21Verfasser penguin (236245) 19 Dez. 22, 14:52
    Kommentar

    #21 Hm, ich weiß nicht, ob es daran liegt. Tante Wiki sagt: Zwischenzeitlich bieten wieder mehrere Gesellschaften regelmäßige Linienflüge von und nach Bagdad an. In erster Linie werden regionale Ziele bedient, darunter Amman, Dubai und Teheran, es gibt jedoch auch Verbindungen nach Europa, beispielsweise nach London und Stockholm. Aktuell gehen einmal wöchentlich Flüge mit Iraqi Airways von Bagdad nach Frankfurt und Düsseldorf. https://de.wikipedia.org/wiki/Flughafen_Bagdad

    Meine Vermutung geht dahin, dass er sich nicht mehr erinnern kann, dieses Versprechen gegeben zu haben. Dass er es vielleicht mittlerweile gar nicht mehr einlösen will, weil er seinen Sohn nicht dieser für ihn fremden und erschreckenden Welt aussetzen will.

    #22VerfasserfehlerTeufel (1317098) 19 Dez. 22, 15:03
    Kommentar

    Wissen wir denn, ob der Roman überhaupt in der Jetzt-Zeit spielt oder nicht vielleicht vor ein paar Jahren?


    Passend zum Thema wurde mir gerade ein Artikel aus spektrum.de angezeigt:

    Warum aktives Vergessen manchmal heilsam ist

    Manche Erlebnisse würde man am liebsten aus dem Gedächtnis streichen. Das geht, wie aktuelle Forschung zeigt – zumindest bis zu einem gewissen Maß. Vielleicht schützt das gezielte Unterdrücken von Erinnerungen sogar vor Depressionen und Posttraumatischen Belastungsstörungen.

    https://www.spektrum.de/news/gedaechtnis-kann...

    #23Verfasser penguin (236245) 19 Dez. 22, 15:11
    Kommentar

    Oh my, there's a flood of comments since the gates opened. And, starting at the top, Hassos Frauchen's post (#6) surprised me, and made me want to respond (without having read further in the thread):


    (A) re: "Wie empfindet ihr einen solchen Satz? ... Es war besser, wenn die weißen Inländer solche Angelegenheiten unter sich erledgten… Meine erste Reaktion war: dann geht doch dahin zurück, wo du hergekommen bist, wenn du es in D-Land so Scheiße findest."


    But that's a simple fact, here in the US as well as in Germany. When someone speaks with a person in authority, they get better service -- friendlier, more courteous, more helpful -- when they speak the language fluently, without errors, and without accent. It is not racist to recognize this fact. I've done the same myself, very recently, when needing to speak with a German travel agent, I had my wife (a native German speaker) make the call for us.


    I didn't at all think that Said Al-Wahid thought that life in Germany was full of shit. Quite the opposite! He is immensely grateful that he is able to live and raise his family in a country free of the chaos and senseless killing of his native Iraq.


    (B) re: "Aber ich habe auch keine Ideen, wie man solche Leute wie den Said Al-Wahid überhaupt irgendwo integrieren könnte."


    Again, this reaction very much surprised me. Said Al-Wahid is completely integrated in Germany: he has a job, a home, a family, even German citizenship. The problem with integrating immigrants (in the US as well as in Germany) is when they have no job and no prospects of getting one, when they do not speak the language, when they are single men, and -- even worse (and more of a problem in Germany than in the US) -- when they actively reject the local customs and mores. No; Said Al-Wahid is well integrated, I would say.


    edit: I have comments on other contributions, but I'd better stop here. Because of the 9-hour time difference, this is at risk of becoming more a monologue than a discussion.


    PS I see that harambee (#8) had much the same reaction as I did to Hassos contribution in #6.

    #24Verfasser Martin--cal (272273)  19 Dez. 22, 19:48
    Kommentar

    Interessant, wie unterschiedlich wir alle wieder den Inhalt dieses Buches wahrnehmen. Für mich ist es durchaus bereichernd, mit euch zu diskutieren. Ich denke dann auch über meine eigenen Standpunkte nach. Und das macht ja auch ein gutes Buch aus. Dass man darüber diskutieren kann.

    In unserer Diskussion habe ich für mich zwei zentrale Themen herausgelesen:

    1. Die Frage, wann man jemanden als "integriert" in einer Gesellschaft ansieht
    2. Der Umgang/die Bedeutung von Erinnerungslücken

    Und nebenbei auch wieder das Urteil, ob das Buch "leicht" zu lesen war oder man sich "hindurchgequält" hat.


    Würdet ihr denn vom Autor noch ein Buch lesen? Oder das Buch jemandem weiterempfehlen?

    #25Verfasser Hassos Frauchen (270200) 20 Dez. 22, 07:37
    Kommentar

    Martin, wir (Pluralis Modestiae?) wollen Deine weiteren Kommentare aber lesen, selbst wenn sie kurzzeitig monologisch erscheinen sollten!


    Zu den Schlussfragen in #25:


    Ich werde jetzt nicht jede Woche schauen, ob der Autor ein neues Werk veröffentlicht hat, aber wenn das Thema mich interessiert, könnte ich mir schon vorstellen, ein weiteres Buch vom Autor zu lesen. Eine allgemeine Empfehlung für dieses Buch spreche ich nicht aus. Ich überlege gerade, ob es Zielgruppen gibt, denen ich das Buch vielleicht doch empfehlen würde, aber da bin ich im Moment nicht sicher. Wer sich bislang nur wenig mit der Situation von Flüchtlingen in Deutschland beschäftigt hat, kann durch das Buch sicherlich was dazu lernen, aber die Gefahr ist auch groß, dass Vorurteile bestätigt werden.

    #26Verfasser harambee (91833) 20 Dez. 22, 07:54
    Kommentar

    Auch ich möchte Martins Gedanken erfahren. Die Situation mit der Zeitverschiebung haben wir ja immer, und mich stört es kein bisschen. Man muss ja nicht zeitnah auf Kommentare antworten.


    Zu der Frage "integriert oder nicht". Vielleicht (und ich spekuliere hier einfach ganz vorsichtig) irritiert Hassos Frauchen die Tatsache, dass sich Al-Wahid ganz offensichtlich in Deutschland nicht zu Hause fühlt. Darüber bin ich auch gestolpert: Er hat sich ein gutes Leben in D aufgebaut, hat eine Frau, einen Sohn, hat studiert, und trotzdem empfindet er D nicht als Heimat. Als er aus Bagdad zurückfliegt (ich weiß nicht mehr, ob es das erste oder zweite Mal ist), sagt er sinngemäß: "Zurück in die Sicherheit der Fremde."

    Man kann also integriert sein und sich trotzdem fremd fühlen.


    Ich teile harambees Befürchtung, dass der Text u. U. Vorurteile bedienen könnte. Ich hatte spontan ähnliche Gefühle wie Hassos Frauchen ("Warum beschwert der sich denn ständig? Wenn es ihm hier nicht gefällt, dann ..."), aber nach kurzer Reflexion hat sich die Berechtigung von Al-Wahids Verhalten mir natürlich erschlossen. Wer allerdings nicht nachdenkt und nicht akzeptiert, dass die Situation aus Sicht eines Asylbewerbers beschrieben wird, dem alle möglichen Stolpersteine in den Weg gelegt werden, der könnte es bei dieser spontanen Reaktion belassen.


    Alles in allem lässt mich das Buch unbefriedigt zurück. Es steht nichts drin, was ich nicht schon wusste bzw. mir hätte denken können, und ich finde es zu kurz, zu schlaglichtartig. Ich konnte nie abtauchen und "mitgehen", sondern stand immer nur (eher gelangweilt) am Rand und habe zugeschaut und zugehört. Vieles bleibt für mich auch unklar: die Frage nach dem Sinn der Erinnerungslücken, die letzte Seite. Und so was ärgert mich nach einer Lektüre: Wenn ich mir auf zentrale Themen eines Buchs keinen Reim machen kann.


    Ich würde von dem Autor kein Buch mehr lesen.

    #27VerfasserfehlerTeufel (1317098)  20 Dez. 22, 09:34
    Kommentar

    Der Gedächtnisverlust ist doch Selbstschutz vor den schmerzhaften und traumatischen Erinnerungen; ob das allein schon als Krankheitsbild reicht, entzieht sich meiner Kenntnis. Said lehnt ja den Besuch in einem Traumazentrum ab.

    Aus dem Manuskript einer "Lesenswert"-Sendung vom SWR, zitiert aus dem Buch:

    "Wenn ein Migrant mit etwas kommt, das man in Deutschland nicht begreift, nennt man es »Trauma«. Was soll man tun, wenn das ganze Leben ein einziges Trauma ist? Soll man das Leben in ein »Behandlungszentrum für Folteropfer« schicken?“

    Erinnerung ist schmerzhaft. Auch deshalb hat Said vieles vergessen.

    (direkt verlinken lässt sich die PDF nicht, aber hier ist ein Link zum Beitrag mit Link zum Download des Beitragsmanuskripts)

    https://www.swr.de/swr2/literatur/abbas-khide...


    Das Buch wird als Schullektüre ab der 10. Klasse empfohlen. Da gibt es für die Jugendlichen sicher viel zu diskutieren, und dass es nur 125 Seiten hat, hilft da sicher auch. Khiders Lesungen müssen immer recht erfolgreich sein; er hat ein Buch geschrieben, "Deutsch für alle", in dem er die Tücken der deutschen Sprache für Lernende beleuchtet - und nein, das kenne ich nicht, ich habe auch noch nichts anderes von diesem Autor gelesen. Ich bin aber auch nicht die Zielgruppe.

    #28Verfasser penguin (236245)  20 Dez. 22, 09:51
    Kommentar

    Und die letzte Seite kann man meiner Meinung nach ganz offen lesen und nach Belieben interpretieren - als Beweis für die Erinnerungslücken, als Versuch, den Sohn vor der Realität im Irak zu schützen, oder auch als Rückzieher: Ja, das habe ich dir versprochen, aber das geht jetzt nicht.

    #29Verfasser penguin (236245) 20 Dez. 22, 10:18
    Kommentar
    penguin, es ist ja gut, dass du das alles aus dem Text herauslesen kannst, mir gelingt das nun mal nicht.
    Und für mich sollte sich ein Buch auch ohne Interpretation von außen erschließen.
    #30VerfasserfehlerTeufel (1317098) 20 Dez. 22, 10:45
    Kommentar


    Red Poppy, auf dein Fazit bin ich gespannt.

    Warum hattest du das Buch ursprünglich vorgeschlagen?

    Hat es deine Erwartungen erfüllt?


    fehlerTeufel, aber deshalb diskutieren wir hier doch.


    #31Verfasser penguin (236245) 20 Dez. 22, 10:50
    Kommentar
    Klar diskutieren wir hier, um offene Fragen zu klären, aber es geht ja auch um das Leseerlebnis und darum, ob Erklärungen für den einzelnen schlüssig (vom Autor umgesetzt) sind. Wieso kann sich Al-Wahid z. B. noch genau an den Tod seiner Schwester erinnern, nicht aber an völlig unwichtige Personen aus seinem jetzigen Leben, wenn seine Erinnerungslücken dem Selbstschutz dienen? Das ist für mich einfach nicht logisch
    #32VerfasserfehlerTeufel (1317098)  20 Dez. 22, 11:10
    Kommentar

    Nun, das Gedächtnis von Menschen folgt nicht unbedingt den Gesetzen unserer Logik und Dinge, an die man sich heute überhaupt nicht erinneren kann, können übermorgen durch besondere Umstände wieder an die Oberfläche kommen. Dass der Tod der Schwester nicht völlig vergessen wurde, scheint mir sehr plausibel. Ich erwarte vom Autor allerdings auch nicht, dass er weiß oder gar erklärt, warum manche Erinnerungen da sind und andere nicht. Er beschreibt erstmal, wie es ist, und das scheint mir insgesamt sehr plausibel.

    #33Verfasser harambee (91833) 20 Dez. 22, 11:34
    Kommentar
    Ja, ich glaube, was Logik angeht, hat jeder seine eigene Vorstellung.
    #34VerfasserfehlerTeufel (1317098) 20 Dez. 22, 12:02
    Kommentar

    Ich habe das Buch vorgeschlagen, weil ich das Thema interessant fand und das Buch auch gern lesen wollte. Es interessiert mich zu erfahren, wie Menschen, denen der deutsche Pass nicht in die Wiege gelegt wurde, ihr Leben, ihr neues Zuhause ihr Umfeld empfinden. Dazu das Thema der Erinnerungslücken, die durch "echtes" Vergessen oder durch Verdrängen entstanden sind, die mit Erfunden gefüllt werden oder mit Erinnerungen anderer.

    Ein wenig hat mich das Buch enttäuscht. Woran genau das liegt, kann ich (im Moment zumindest) nicht festmachen; irgendetwas fehlt mir.


    Erinnerungen sind selektiv, darum erstaunt mich nicht, woran Al-Wahid sich erinnert. Und ich frage auch nicht nach Gründen, weshalb er sich an die einen Dinge erinnert und an andere nicht. Dass er meint, sich an Nächte zu erinnern, die er auf dem Dach es Hauses unter dem Sternenhimmel verbracht haben will, wundert mich nicht. Vielleicht hat er ja als Kind (mindestens eine Nacht) auf dem Dach geschlafen. Dass ihm aber nicht bewusst ist, wie gefährlich das zum Zeitpunkt seines Besuchs sein kann, dass wundert mich.


    Weiter oben wurde gefragt, warum Al-Wahid das Land allein, ohne seine Familie verlassen hat. Ich meine mich zu erinnern, dass er kurz vor einer Verhaftung stand und deshalb geflohen ist.


    Für die Anmerkungen zu dem Buch "Die Taube" von Süskind bedanke ich mich; ich habe das Buch nie gelesen und habe deswegen auch den Zusammenhang nicht verstanden.


    Und, ja, ich würde noch ein weiteres Buch von diesem Autoren lesen. "Die Ohrfeige" liegt noch ungelesen im Regal und irgendwann werde ich es zur Hand nehmen.

    #35Verfasser Red Poppy (876587) 20 Dez. 22, 12:13
    Kommentar

    Mich haben die Erinnerungslücken auch ein wenig gestört. Beim Lesen kam ich mir irgendwie betrogen vor. Insgesamt ist es ja sehr realistisch und autobiographisch, was mich sehr gefesselt hat. Dann aber etwas zu beschreiben, nur um zu sagen, dass es auch anders hätte sein können, fand ich ein bisschen ärgerlich.


    Ich denke, er macht es zum Schutz, damit das Buch nicht zu persönlich, nicht rein autobiographisch wird und dass man ihn nicht darauf "festnageln" kann. Das verstehe ich dann.

    #36Verfasser caissa (225192) 20 Dez. 22, 12:40
    Kommentar

    Das Buch wird als Schullektüre ab der 10. Klasse empfohlen. 

    Ah, danke für die Info, penguin. Das ist eine interessante Information am Rande.

    #37Verfasser Hassos Frauchen (270200) 20 Dez. 22, 13:17
    Kommentar

    Ja, das wollte ich auch nochmal betonen: Die Zielgruppe sind mE eher Jugendliche.

    #38Verfasser penguin (236245) 20 Dez. 22, 13:19
    Kommentar

    Das Buch wird allerdings nicht als Jugendbuch beworben und ich denke auch nicht, dass es hauptsächlich als Buch für die Jugend geschrieben wurde.

    #39Verfasser harambee (91833) 20 Dez. 22, 13:39
    Kommentar

    ...und ich denke auch nicht, dass es hauptsächlich als Buch für die Jugend geschrieben wurde. - Da schließe ich mich an. Auch wenn ein Buch als Schullektüre empfohlen wird, heißt das noch lange nicht, dass es für Jugendliche geschrieben wurde.

    #40Verfasser Red Poppy (876587) 20 Dez. 22, 13:57
    Kommentar

    Nein, vermutlich nicht. Es stand auch in der Bibliothek nicht bei den Jugendbüchern.

    Ich denke mal, Khider wollte primär auf seine Erfahrungen mit Behörden hinweisen.

    #41Verfasser penguin (236245) 20 Dez. 22, 15:30
    Kommentar

    #36 Mich haben die Erinnerungslücken auch ein wenig gestört. Beim Lesen kam ich mir irgendwie betrogen vor. Insgesamt ist es ja sehr realistisch und autobiographisch, was mich sehr gefesselt hat. Dann aber etwas zu beschreiben, nur um zu sagen, dass es auch anders hätte sein können, fand ich ein bisschen ärgerlich.

    Mir ging das nicht so. Nirgendwo steht, dass es sich bei diesem Buch um eine Autobiografie handel und dass das Buch Tatsachen widerspiegelt. Es ist als Roman deklariert und in einem solchen steht es dem Autoren frei, seine Fantasie laufen zu lassen, also einen Protagonisten zu erfinden, der sich seiner Erinnerung nicht sicher ist.


    #41 Ich denke mal, Khider wollte primär auf seine Erfahrungen mit Behörden hinweisen. - Soweit ich weiß, kommt das in seinem Buch Ohrfeige besonders deutlich zum Ausdruck.

    #42Verfasser Red Poppy (876587)  20 Dez. 22, 15:47
    Kommentar

    OK then, with the encouragement of several contributors (and despite the time lag), here are my responses to a few of the earlier postings:


    @fehler Teufel (#7) re: Die Art, wie die Geschichte erzählt wird, hat etwas Zerrissenes, Abgehacktes, dieser ständige Wechsel zwischen Vergangenheitsform und Gegenwart. I didn't have that impression at all; instead, the switching between past and present is a rather common narrative style, and reflects how many of us really experience life: at times as a direct perception of what is happening, and at times in our heads, remembering the past or fantasizing about how the past might have been or dreaming of the future.


    @fehler Teufel (#12) re: Dass man im Alter viele Dinge vergisst, ist normal. Aber Al-Wahid ist ja noch jung! Ein junger Mann, junger Vater, junger Ehemann. Da finde ich solche Erinnerungslücken schon bemerkenswert. I'm sorry if it looks like I'm picking on you, fehler! I think gaps in the memory are quite normal, even for people who are still young. I know that even many years ago I would remember events and situations that my wife had completely forgotten, and likewise, she would remember things I couldn't recall at all. We just remembered different things; she was much better at remembering what happened to other people.


    Together with dulcinea (#16), I too did not think the title reflected well on the content of the book. Invented memories were not really a major theme in the work, it seems to me.


    I also am hoping that someone is familiar with Die Taube, and can tell us why it seems to play a central role in the story.


    Re #20: Wie versteht ihr eigentlich die letzte Seite, dieses kurze Gespräch zwischen Vater und Sohn über einen Besuch in Bagdad? This, if anything, is evidence of a falsification of the memory, and an intentional falsification at that. I imagine that Said Al-Wahid has been telling his son fairy tales about how wonderful life was in Iraq and how beautiful a city Baghdad is, and so of course his son wants to visit this fairy tale city.


    (to be continued…)

    #43Verfasser Martin--cal (272273)  20 Dez. 22, 18:52
    Kommentar

    Dass wir unterschiedliche Sichtweisen haben, ist völlig okay, Martin. Ich habe damit gar kein Problem. Wir haben ja schon bei "The High Window" festgestellt, dass wir nicht unbedingt dieselbe Art von Literatur mögen.

    Aber hat dir der Roman denn gefallen?


    Zu "Die Taube": Ich habe das Buch vor Ewigkeiten gelesen, nach "Das Parfüm", einem meiner Lieblingsromane, kann mich aber nur noch daran erinnern, dass der Protagonist vor einer Taube, die sich durch das offene Fenster ins Treppenhaus verirrt hat, so viel Angst hat, dass er seine Wohnung nicht mehr verlässt. Ich weiß nicht, ob das Buch eine Bedeutung für den Inhalt des Erinnerungsfälschers hat. Möglicherweise dahingehend, dass auch im Fall von Al-Wahid eine einzige Sache lebensbestimmend ist/wird, nämlich sein Fremdsein, sein (ewiges) Dasein als Ausländer. Aber das ist wirklich nur wild geraten.

    #44VerfasserfehlerTeufel (1317098) 20 Dez. 22, 19:42
    Kommentar

    Ich muss jetzt doch mal fragen, weil das bisher wenig angesprochen wurde:


    Ich habe ja nur die ersten 7 Seiten gelesen, weil die über "Blick ins Buch" umsonst zugänglich waren, nehme aber nicht an, dass der Stil sich dramatisch geändert hat später. Hat euch die Sprache gar nicht nicht gestört? Sie war einer der Hauptgründe, warum ich diese Runde überspringe; ich fand die überhaupt nicht ansprechend und Khider, sorry, ohne jedes literarische Talent. Habt ihr das anders wahrgenommen, oder ist der Aspekt einfach nicht so wichtig?


    (fehlerTeufel schreibt in #7: Und da hatte ich auch das Gefühl, dass die Sprache flüssiger und geschmeidiger wird. So weit bin ich ja nicht vorgedrungen, aber es klingt zumindest so, als wärst du bis dahin auch nicht unbedingt begeistert gewesen.)

    #45Verfasser Gibson (418762) 20 Dez. 22, 20:21
    Kommentar

    Hat euch die Sprache gar nicht nicht gestört?


    Nee, die Sprache hat mich nicht "gar nicht nicht" gestört (-;


    Im Ernst: Wie ich in #8 vorsichtig anzudeuten versucht habe, halte ich die Sprache in diesem Buch nicht für sehr kompliziert, aber es hat mich nicht gestört. Allerdings ist es wohl richtig, dass ich das Buch nicht wegen eines Feuerwerks interessanter Formulierungen empfehlen würde. Das kann ein Buch interessant und schön machen, aber auch ohne das kann ein Buch interessant sein. Es ist aber auch nicht so, dass der Erinnerungsfälscher in supereinfacher Sprache geschrieben wurde. Für mich passt das schon..

    #46Verfasser harambee (91833) 20 Dez. 22, 20:37
    Kommentar

    Nein, Gibson, begeistert war ich von der Sprache nicht. Ich möchte dem Autor nicht unbedingt das literarische Talent absprechen. Von Literatur hat ja jeder ein eigenes Verständnis. Ich zum Beispiel mag epische Texte mit außergewöhnlichen Wortbildern, skurrilen Figuren und Ereignissen à la Frances Hardinge oder Markus Zusak. Geschichten, in die ich eintauchen kann, wie "Tausend strahlende Sonnen" von Khaled Hosseini oder "Das Licht zwischen den Meeren" von M. L. Stedman.

    Ich fand Khiders Sprache schlichtweg nicht besonders interessant. Hin und wieder kam ganz plötzlich eine Metapher oder einer blumigen Wendung, die so gar nicht zu dem restlichen Schreibstil passten, weswegen ich automatisch nach einer besonderen Bedeutung suchte, in der Regel aber keine fand.


    #47VerfasserfehlerTeufel (1317098) 20 Dez. 22, 20:44
    Kommentar

    Re #25: Würdet ihr denn vom Autor noch ein Buch lesen? Not me. I agree with fehler Teufel in this regard (#27): Alles in allem lässt mich das Buch unbefriedigt zurück. Es steht nichts drin, was ich nicht schon wusste bzw. mir hätte denken können… Furthermore -- although I certainly am not be best judge of this -- the author didn't display any literary art or skill; the language was flat and uninteresting. (It made it easy for me to read, but I didn't care.)


    Edit: I see that I am not alone in this view. (vd. Gibson #48 "… ich fand … Khider … ohne jedes literarische Talent.").


    @Red Poppy (#35), re: Ein wenig hat mich das Buch enttäuscht. It disappointed me too. And once again I would like to make a case that participants only suggest books that they themselves have read and enjoyed. Yes, they would have to read them again. But an uninteresting book wastes the time of all the rest of us that want to participate in the discussion. All too often I have been disappointed by the books chosen in this Leo liest project, and I have a long list of books that have been recommended by people I trust who have read the book and enjoyed it.

    #48Verfasser Martin--cal (272273)  20 Dez. 22, 22:04
    Kommentar

    Gibson #48 "… ich fand … Khider … ohne jedes literarische Talent."

    Hm, ganz so streng würde ich Herrn Khider nicht beurteilen. Sein Talent liegt vor allem darin, dass er authentisch über etwas berichten kann, über das die allermeisten von uns Mitteleuropäern/Nordamerikanern gar nichts erzählen können.


    Insofern ist das Buch ein wichtiges Dokument eines Zeitzeugen (auch so ein Totschlagbegriff).

    Da finde ich die leichte Lesbarkeit wichtiger, als besondere stilistische Highlights.

    Das macht es dann vielleicht zugänglicher auch als Schullektüre.


    Und wenn ich ehrlich bin, hätte mich ein "verschwurbelter" Germanistenstil auch irritiert. Schließlich ist Said zwar Schriftsteller, aber er hat Deutsch ja "nur" gelernt. Die einfache Sprache passt da m.E. ganz gut zur Hauptperson. Auch wenn es nicht so erwähnt wird, hatte ich den Eindruck, dass er in seiner Erinnerung an Bagdad und die Flucht auf Arabisch "denkt" und er die Erinnerungen erst quasi "übersetzen" muss, bevor er sie zu Papier bringt. Erst die Erinnerungen an seine Zeit in München scheinen mir dann "deutsch" zu sein. Da wo er sich an die blumigen Benennungen von Münchner Plätzen oder seinen Lehrer erinnert.

    #49Verfasser Hassos Frauchen (270200) 21 Dez. 22, 08:06
    Kommentar

    And once again I would like to make a case that participants only suggest books that they themselves have read and enjoyed. - Es tut mir leid, dass das von mir vorgeschlagene Buch den Erwartungen nicht entsprochen hat. Allerdings werde ich auch beim nächsten Mal wieder ein Buch von meinem SUP ins Gespräch bringen, da dort noch so viele Bücher liegen und ich zudem nur ganz selten Bücher zweimal lesen möchte.


    Für mich war die Zeit, die ich mit dem Erinnerungsfälscher verbracht habe, keine verlorene, auch wegen der, wie HF es beschreibt, authentischen Erzählung.

    #50Verfasser Red Poppy (876587) 21 Dez. 22, 10:29
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    Ich habe, wenn ich das nicht verdrängt habe, bei keinem der bisher gelesenen Bücher das Gefühl gehabt, ich hätte Zeit verschwendet, auch beim Erinnerungsfälscher nicht.


    Mir gefällt der Gedanke, dass man nur noch Bücher vorschlagen soll, die man schon gelesen hat, aus bereits diskutierten Gründen nicht allzu gut, aber vielleicht wollen wir irgendwann mal eine Leserunde einstreuen, in der wir das ausprobieren? Dann sieht man auch, ob viele von uns überhaupt ein Buch vorschlagen wollen, dass sie schon gelesen haben. Diese Frage gehört aber wohl eher in den Buchsuchfaden. Martin, vielleicht willst Du es da nochmal vorschlagen, so dass wir die Diskussion dann dort fortsetzen können?

    #51Verfasser harambee (91833) 21 Dez. 22, 10:45
    Kommentar

    And once again I would like to make a case that participants only suggest books that they themselves have read and enjoyed.


    I think we had that discussion before - I disagree. Book clubs are for getting people to read outside their normal reading patterns.

    #52Verfasser penguin (236245) 21 Dez. 22, 11:05
    Kommentar

    Ich war ein paar Tage nicht am Rechner und die Diskussion hat sich mittlerweile weiterentwickelt, aber ich picke trotzdem mal ein paar Punkte heraus:


    „Die Taube“: Ist bei mir auch ein paar Jahrzehnte her, aber ich habe die Handlung folgendermaßen in Erinnerung (Spoiler!): Der vom Krieg traumatisierte Protagonist durchlebt wegen einer Taube, die in den Hausflur seines Wohnhauses gelangt ist, eine existenzielle Krise. Er wird aus seiner Routine herausgerissen, die aber für ihn lebensnotwendig ist. Von außen gesehen völlig belanglose Kleinigkeiten bringen ihn an den Rand des Suizids. In Bezug auf den „Erinnerungsfälscher“ sind meiner Meinung nach die traumatische Vergangenheit sowie die verzerrte Realitätswahrnehmung relevant.


    Schreibstil: Mich hat der sehr einfache, fast aphoristische Stil anfangs auch ein wenig irritiert, ich habe mich aber nach und nach damit angefreundet. Ich finde auch, dass der Stil zum Buch passt.


    Noch einmal zur Erinnerungsverfälschung: Da es ein Roman und keine Autobiographie ist, muss nicht extra darauf hingewiesen werden, dass einiges davon erfunden ist. Das versteht sich von selbst. Der Autor hat das Verfälschen von Erinnerungen nun einmal als Thema seines Romans bzw. als Charakterzug seines Protagonisten gewählt, das ist aber (natürlich nur meiner Meinung nach) weder erzählerisch noch thematisch gut begründet. 


    Integration: Ich bin ebenfalls der Meinung, dass Said geradezu perfekt integriert ist. Gerade bei jemandem, der durch äußere Umstände zur Flucht gezwungen wurde, finde ich es absolut nachvollziehbar, dass er im neuen Land nicht immer alles toll findet.


    Würde ich ein anders Buch von Khider lesen? Eher nicht. Wenn noch einmal ein Buch von diesem Autor bei „LEO liest“ vorgeschlagen wird, werde ich wahrscheinlich mit „nein“ stimmen. Wenn es aber trotzdem gewählt wird und sich der finanzielle und zeitliche Aufwand in Grenzen hält, lese ich aber vielleicht mit. :-)


    Zur Frage, ob nur Bücher vorgeschlagen werden sollen, die man selbst schon gelesen hat: Ich bin auch dagegen. Bei mir würde diese Regel wahrscheinlich dazu führen, dass ich entweder gar keinen Vorschlag mache oder gegen meinen eigenen Vorschlag stimme. Von mir aus können wir es aber gerne einmal ausprobieren. 

    #53Verfasser dulcinea (238640) 21 Dez. 22, 14:06
    Kommentar

    Ich verlagere mal die Diskussion um die Frage, ob man nur noch Bücher vorschlagen sollte, die man bereits gelesen hat, in den Buchsuchfaden: Siehe auch: Leo liest ein Buch - Buchsuchfaden No. 2 - #154

    #54VerfasserfehlerTeufel (1317098)  21 Dez. 22, 18:28
     
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