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  • Betreff

    Bratwursthaftigkeit

    Quellen

    "Was mich nervt, ist diese Bratwursthaftigkeit"


    Kommentar
    Verfasserpfarrer83919 (292595) 22 Apr. 22, 16:16
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    Vielleicht meinte er Siehe Wörterbuch: Wurstigkeit

    #1VerfasserMattes (236368)  22 Apr. 22, 16:24
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    Leo meint: Bratwurst = bratwurst

    Daraus ergäbe sich bratwurstness ;-)


    Vielleicht haben Anglophone dabei eine gewisses Bild von deutscher schmerbäuchiger Geisteshaltung ;-)

    #2Verfassermanni3 (305129)  22 Apr. 22, 16:26
    Quellen

    wurstig Adj. ‘gleichgültig’ (1. Hälfte 19. Jh., Studentensprache)

    https://www.dwds.de/wb/wurstig

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    Interessant.

    #3VerfasserMattes (236368) 22 Apr. 22, 16:30
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    Das Wort ist mE eine Neuschöpfung. Was der Autor uns damit sagen will, ist also nicht restlos klar: ich verstehe es eher als eine Art Spießbürgertum oder Kleinkariertheit, nicht Gleichgültigkeit (wie das bei Wurstigkeit der Fall wäre.)

    #4VerfasserCarullus (670120) 22 Apr. 22, 16:36
    Quellen

    Entsprechend hatte ich mich vorbereitet auf Diskussionen über die vermeintlich zweifelhafte Seriosität des Internets, die Banalität des Lokalen im Allgemeinen und die Bratwursthaftigkeit der dort üblichen Wortwahl im Besonderen.

    http://www.juliane-schader.de/?p=2439

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    Aber vielleicht hat Herr Yücel auch einfach "deutsche Spießigkeit" gemeint. Er hat sich wohl auch schon mal zu "Scheißgrillabenden" beim PEN geäußert. Oben ein Zitat einer seiner journalistischen Kolleginnen, wo ich jedenfalls "deutsche Spießigkeit" verstehe.

    #5VerfasserMattes (236368) 22 Apr. 22, 16:39
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    Ich finde jedenfalls Bratwursthaftigkeit zur Charakterisierung eines dumpfen, selbstgefälligen Bewusstseins viel schöner als Spießigkeit.

    #6Verfassermanni3 (305129) 22 Apr. 22, 16:52
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    FWIW, aus dem Link im OP :


    ... Zu den Vorwürfen gegen seinen Führungsstil sagt Yücel: "Beim Schreiben brauche ich Autonomie, aber nicht beim Handeln als Präsident. Da bin ich sehr für Demokratie, Professionalität und Arbeitsteilung. Was mich nervt, ist diese Mischung aus dünkelhafter Bratwursthaftigkeit und Kolonialherrengehabe, auf die ich neben vielen tollen Dingen und Menschen im PEN auch gestoßen bin." ...


    #7Verfasserno me bré (700807)  22 Apr. 22, 16:59
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    Bratwurstness (or, my personal preference, bratwurstiness) does have a certain charm, but I am not sure what people would understand it to mean. Certainly, something German (and obviously not a vegan or otherwise health-conscious lifestyle...) but I am a bit doubtful about whether a socioeconomically anchored smugness would be conveyed.

    If the term Bratwursthaftigkeit is being used to mean Spießigkeit, one might opt for bratwursty complacency. That would get you the smugness at least (as would bratwurstish smugness, which has the added advantage of being delightfully easy to mispronounce as bratwurstish shmugness)

    To include the socioeconomic aspect (ahem, as well as a terrible pun), you could throw some burghers on the grill, and try bratwurst-and-burghers complacency

    #8VerfasserAE procrastinator (1268904) 22 Apr. 22, 18:53
    Quellen

    Zum Hintergrund von Yücels Wortwahl siehe https://www.mdr.de/altpapier/das-altpapier-25...

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    Man müsste wissen, an welche Art Bratwurst Herr Yücel bei der Erfindung der arroganten Bezeichnung "Bratwursthaftigkeit" gedacht hat: An die Fränkische, Thüringische, Nürnberger Bratwurst, an die Wildbratwurst, die Lammbratwurst ... Wikipedia zählt 21 Arten von Bratwurst auf, worunter sich auch Bratwürste aus verschiedenen Gegenden Deutschlands sowie aus Frankreich (Elsass), Böhmen, der Schweiz, Italien und Spanien befinden.


    Da die Bratwurst eine relativ billige Speise des gemeinen Volkes darstellt (im Gegensatz zu den feinen Gerichten der Besserbetuchten), will Yücel vielleicht damit seine Verachtung für das einfache Volk ausdrücken? Oder seine Geringschätzung für das Europa (Deutschland, Schweiz, Tschechien, Italien, Spanien), wo ein so wohlfeiles Lebensmittel populär ist?


    Was für eine Dönerhaftigkeit, Hammelbratenhaftigkeit oder Kebaphaftigkeit hat Yücel wohl motiviert, sich ein solches törichtes Wort auszudenken?

    #9VerfasserMiMo (236780)  22 Apr. 22, 20:10
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    Kein Grund, dem Mann, der ein schönes neues Wort erfindet, gleich aggressiv die Bratpfanne auf den Kopf zu hauen.

    will Yücel vielleicht damit seine Verachtung für das einfache Volk ausdrücken?

    Bitte aufpassen mit diesen heftigen (Über-)Interpretationen.

    Und wo bleibt der Humor?

    Mann, nervt mich langsam diese Empfindlichkeit in alle Richtungen.

    ----

    Will der OP wirklich einen englischen Begriff? (Wir sind ja in E-gesucht...)


    Edith geht offline...

    #10VerfasserBraunbärin (757733)  22 Apr. 22, 20:43
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    Braunbärin, lies bitte zuerst einmal https://www.mdr.de/altpapier/das-altpapier-25...

    um zu erfahren, wie der Mann mit seinen Schriftstellerkollegen und anderen umgeht.


    Wenn hier einer jemandem aggressiv die Bratpfanne auf den Kopf gehauen hat, dann er - und zwar PEN-Mitgliedern, die ihn zu Recht kritisierten. Und das, ohne dass er überhaupt erklärte, was er denn mit "Bratwurstighaftigkeit" meint. Hauptsache, es klingt herabwürdigend und gibt die Gegner der Lächerlichkeit preis. Aggressiver Umgang mit vermeintlichen Biedermännern und -frauen ist halt in gewissen linken Kreisen schick und Usus.


    Welche Geisteshaltung steckt eigentlich dahinter, wenn jemand ein Volksnahrungsmittel als denunzierende Metapher für geringgeschätzte Mitmenschen herabqualifiziert?


    Und was ist eigentlich an "Bratwursthaftigkeit" schön? Ist vielleicht "Chiliconcarnehaftigkeit" nicht noch schöner? Oder "Veganeleberwursthaftigkeit"? Oder "Pilavmitsüßreishaftigkeit"?


    Edit:

    Auf der Speisekarte eines gängigen gutbürgerlichen fränkischen Speiselokals bilden die "3 fränkischen Bratwürste" mit 9,50 € das erschwinglichste Gericht; beim Wiener Schnitzel muss der Gast schon 19,50 € hinlegen, was sich heutzutage viele Menschen nicht mehr leisten können. Sind nach Yücel die Menschen, die nur die Bratwurst bestellen können, eine mindere Schicht als diejenigen, die sich für 19,50 € und mehr verköstigen können? Wobei es mit der Ofenfrischen Gänsebrust (22,50 €) und dem Filetsteak (28,50 €) noch Steigerungsmöglichkeiten gibt.


    Wenn man sich schon ein "neues Wort" ausdenkt, sollte man die Bedeutungen und Konnotationen dieses Wortes zuvor gründlich studieren!

    #11VerfasserMiMo (236780)  22 Apr. 22, 21:43
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    Ohne den konkreten Fall genau zu kennen und beurteilen zu können, inwiefern der Begriff im konkreten Kontext fair verwendet worden ist, kann ich mir unter Bratwursthaftigkeit schon etwas vorstellen.

    Zunächst einmal ist es Schriftstellern und Journalisten und Personen des öffentlichen Lebens grundsätzlich gestattet, Neologismen zu kreieren, mit Lust und Scharfsinn, auch wenn das irgendwelchen Leoniden nicht passen sollte.

    Zum anderen kann ich mir schon sehr gut etwas darunter vorstellen: eine gewisse unreflektierte, unbedarfte intellektuelle Primitivität und Beschränktheit, ggf. Grobschlächtigkeit, die sich sehr normal vorkommt. Fast vermute ich, Yücel vermied aus Pietät den Begriff Curry-Wursthaftigkeit, um nicht allzu deutlich auf unseren Ex-Bumskanzler - pardon: Ex-Bundeskanzler anzuspielen.

    #12VerfasserRightSaidFred (1322814)  22 Apr. 22, 23:47
    Quellen

    Zusammenfassung: Wie es zum Vorwurf der „Bratwursthaftigkeit“ kam:

     

    1. Yücel, Präsident des deutschen PEN, berät sich mit anderen Präsidiumsmitgliedern per Mail, wie sie zwei ihnen missliebige Präsidiumsmitglieder aus ihrem Amt drängen können. Diese zwei sind im Oktober 2021 wie Yücel von der Mitgliederversammlung gewählt worden.

    2. PEN-Mitglied Petra Reski wirft Yücel & Co. daraufhin Mobbing vor; PEN-Mitglied Volker Skierka nennt Yücel als Präsident „untragbar“.

    3. Nun lässt Yücel Reski und Skierka einen Maulkorberlass durch den teuersten Medienanwalt Deutschlands zukommen.

    4. PEN-Justiziar Klaus Uebe macht in einer Zoom-Konferenz Yücel und dessen Mitstreitern klar, dass der Anwaltsbrief ohne rechtliche Relevanz ist und überdies vereinsrechtlich unrechtmäßig.

    5. Der seit Jahrzehnten für PEN arbeitende Justiziar wird zusammengebrüllt, fristlos entlassen und aus der Zoomkonferenz geworfen.

    6. Im Interview mit der ZEIT erklärt Yücel dazu: "Was mich nervt, ist diese Mischung aus dünkelhafter Bratwursthaftigkeit und Kolonialherrengehabe, auf die ich neben vielen tollen Dingen und Menschen im PEN auch gestoßen bin."

    Kommentar

    Für jene, die sich nicht die Mühe machen wollen, den in #9 und #11 angegebenen Link zu lesen, oben eine gedrängte Zusammenfassung des Zusammenhangs, in dem das Wort "Bratwursthaftigkeit" aufgekommen ist.


    Es geht also nicht um "eine gewisse unreflektierte, unbedarfte intellektuelle Primitivität und Beschränktheit, ggf. Grobschlächtigkeit" oder um "unseren Ex-Bumskanzler - pardon: Ex-Bundeskanzler", sondern der Präsident einer Schriftstellervereinigung diffamiert damit Kollegen und Vereinsmitglieder, die seine "Hinterzimmermauscheleien" kritisieren sowie den Justiziar der Vereinigung, der dieses Vorgehen für unrechtmäßig erklärt.


    Auch geht es nicht um "deutsche schmerbäuchige Geisteshaltung", "deutsche Spießigkeit" oder "dumpfes, selbstgefälliges Bewusstsein", sondern um die Beschimpfung von PEN-Mitgliedern, die sich herausgenommen haben, das mauschelige Verhalten ihres Präsidenten zu kritisieren.


    Was das alles mit der Bratwurst, einem europäischen Volksnahrungsmittel zu tun hat, ist nach wie vor unerfindlich. Und wieso eine Invektive, die ein Herr Yücel in Rage über seine Gegner erfunden hat, in ein Wörterbuch aufgenommen werden soll (zu einer Zeit, wo man sich bemüht, andere UN-Wörter aus den Wörterbüchern zu tilgen), ist unverständlich.


    #13VerfasserMiMo (236780)  23 Apr. 22, 02:07
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    #13 - Danke für die nüchtern und unaufgeregt formulierten Hinweise!

    (Ist Yücel nicht der, der lange in einem türkischen Gefängnis saß?)

    Deine Ausführungen scheinen überzeugend. Wie gesagt, wie fair diese Wortwahl ist, wollte ich nicht beurteilen. Jedenfalls spielt Yücel meines Erachtens mit einem Gespür für Sprachwitz mit Stereotypen über Deutsche, aber er mag damit auf ungerechtfertigte Menschen verletzen.

    #14VerfasserRightSaidFred (1322814) 23 Apr. 22, 06:54
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    Ob ein Wort in ein WB eingetragen werden soll (worum es hier gar nicht geht - es ist lediglich eine Übersetzungsanfrage), hängt weniger von seiner Unworthaftigkeit ab denn von seinem Gebrauch. Wer den Diskurs im Englischen wiedergeben möchte, braucht eine Übersetzung oder eine Annäherung an den Begriff. Und dafür hat AE procrastinator doch schon wunderbare Vorschläge gemacht.


    Mir gefällt bratwurstish/bratwursty smugness gut. Da ist die Bratwurst und die bräsige Selbstgefälligkeit drin, die Yücel meiner Meinung nach gemeint haben könnte.


    Man muß Deniz Yücels Invektive (ja, das ist der Welt-Journalist, der ein Jahr in türkischen Gefängnissen saß und im übrigen Deutscher ist, aber vermulich kein Bratwurstdeutscher) ja deshalb weder inhaltlich noch sprachlich für gut befinden.

    #15VerfasserSelima (107) 23 Apr. 22, 12:28
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    Bleibt halt die Frage, was "Bratwursthaftigkeit" denn überhaupt bedeuten soll. Sind Menschen, die sich gegen Mobbing in einer Vereinigung wenden und auf die Unrechtmäßigkeit des Vorgehens eines Vorstands hinweisen, deshalb "bratwursthaftig"? Wer Korrektheit und fairen Umgang fordert, leidet an "Bratwursthaftigkeit"?


    Warum wird ausgerechnet die Bratwurst für diese (schiefe) Metapher verwendet? Für was soll sie stehen?


    Sind die Menschen, die wegen ihres geringen Einkommens mittags nur eine Bratwurst zu sich nehmen können und kein gutbürgerliches Menu, von "bräsiger Selbstgefälligkeit"?


    "Bratwursthaftigkeit" ist meiner Meinung nach eine sprachlich-begriffliche Missgeburt. Da man nicht einmal genau weiß, was ihr Urheber "gemeint haben könnte", sollte man ihren Gebrauch unterlassen.


    Oder wir erfinden fröhlich weitere lustige Wörter ohne konkreten Sinn. Etwa: "Das sprachschöpferische Feingefühl des Herrn Y. ist von ausgesprochener Kartoffelbreiigkeit. Sein Umgang mit Berufskollegen zeigt deutliche Züge von Leberknödelhaftigkeit. Manche Leute reagieren darauf mit bemerkenswerter Palatschinkenhaftigkeit ..."

    #16VerfasserMiMo (236780) 23 Apr. 22, 21:25
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    Liebe MiMo!

    Dankbar bin ich dir schon, auf die Problematik mit Denis Yücel hingewiesen zu haben, ein interessantes Thema. Ob Yücel wirklich eine begnadete Führungspersönlichkeit ist, scheint ja durchaus umstritten zu sein, auch der letzte SPIEGEL thematisierte ja die Problematik. Als besonders beunruhigend empfinde ich seine Entscheidung, einen altgedienten Justiziar fristlos zu entlassen, der ihn auf die Unrechtmäßigkeit seines Vorgehens hingewiesen hat. Und so einen unnötigen Streit vom Zaum zu reißen, wenn die außenpolitische Lage so brisant ist.


    Andererseits können mit dem Begriff der Bratwursthaftigkeit an sich offenbar einige der User dieses Forums aber durchaus etwas anfangen, es trifft offenbar bestimmte allgemeine Klischeevorstellungen über Deutsche, die so einige mit sich herumtragen, "bräsige Selbstgefälligkeit" aus dem vorangegangenen Beitrag trifft es meine ich auch ganz gut. Jedenfalls scheint es ja als ein Gegenbegriff zum Kolonialherrengehabe zu sein, das m.E. smarter ausfallen müsste, wenn auch in gewisser Hinsicht ebenso borniert, allerdings auf deutlich schlauere Weise.


    Ich denke, dass sollte man dabei berücksichtigen, dass auch etablierte Klischeevorstellungen, und auch nicht nur nationale, doch sehr häufig auf ungerechte Weise verwendet werden.

    #17VerfasserRightSaidFred (1322814)  24 Apr. 22, 16:07
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    Hallo RightSaidFred,


    Unabhängig von Yücel und dem Krach im PEN und der Entstehung des Wortes "Bratwursthaftigkeit" sind zwei Fragen bisher ungeklärt:


    1) Was ist eigentlich "Bratwursthaftigkeit"?


    Schon hier in diesem Faden werden eine Reihe von unterschiedlichen und nicht unbedingt identischen Bedeutungen vorgeschlagen: "deutsche schmerbäuchige Geisteshaltung", "Spießbürgertum oder Kleinkariertheit", "dumpfes, selbstgefälliges Bewusstsein", "gewisse unreflektierte, unbedarfte intellektuelle Primitivität und Beschränktheit, ggf. Grobschlächtigkeit", "bräsige Selbstgefälligkeit".


    Da es eine verbindliche Bedeutung noch nicht gibt, kann sich jeder darunter vorstellen, was er will. Man könnte sagen, mit "Bratwursthaftigkeit" können Deutsche einfach gewisse unangenehme Eigenschaften benennen, die ihnen an andereen Deutschen missfallen.


    2) Die anschließende Frage ist:


    Warum soll ausgerechnet die Bratwurst als Metapher für Schmerbäuchigkeit, Spießbürgerlichkeit, Kleinkariertheit, Selbstgefälligkeit, Beschränktheit, Bräsigkeit dienen? Wo ist das tertium comparationis?


    Wären nicht Schweinebraten, Wiener Schnitzel, Rindsroulade, Gansbraten und dergl. mehr besser geeignet, um Spießbürgertum etc. zu etikettieren?


    Die Bratwurst ist ein Volksnahrungsmittel, das vor etwa 5000 Jahren erfunden wurde: Fleischreste, die man nicht einfach wegwerfen wollte, wurden zerkleinert, mit Rauch und Salz haltbar gemacht und in einen Naturdarm gestopft, zum späteren Verzehr. Schon Homer hat die Bratwurst erwähnt, und in Deutschland wird sie seit dem frühen Mittelalter als Speise des einfachen Volkes hergestellt und gegessen. Viele Menschen, die sich ein bürgerliches Mittagessen nicht leisten können, nehmen mit der Bratwurst vorlieb.


    Wollte man die Bratwurst als Metapher für eine menschliche Eigenschaft nehmen, so böten sich da an: Sparsamkeit, Einfachheit, Genügsamkeit, Kargheit.


    Dass Bratwurstesser selbstgefällig, spießig, bräsig, kleinkariert, schmerbäuchig usw. sein sollen, will mir nicht in den Kopf.

    #18VerfasserMiMo (236780)  24 Apr. 22, 17:47
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    Für mich hat das Wort "Bratwurshaftigkeit" schlicht und einfach keine definierte Bedeutung.

    Dass es unfreundlich und abwertend wirkt, ergibt sich nicht aus dem Wort, sondern ausschließlich dem Kontext.

    Was bedeutet, dass an dieser Stelle auch beliebige andere Wörter ohne erkennbare Bedeutung stehen könnten, wie z.B. die bereits genannte Kartoffelbreiigkeit oder Leberknödelhaftigkeit. Wir könnten auch Mooshaftigkeit, Humushaftigkeit oder Wellpappigkeit einsetzen. Eines so sinnfrei wie das Andere.

    #19Verfassereineing (771776) 24 Apr. 22, 18:34
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    Es geht m. E. in so einem Fall doch nicht um definierte Bedeutungen, sondern um bildhafte Assoziationen.

    #20Verfassermanni3 (305129) 24 Apr. 22, 19:34
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    Bei mir wollen sich bei dem Wort Bratwursthaftigkeit partout keine Assoziationen einstellen, schon gar keine bildhaften.

    #21Verfassereineing (771776) 24 Apr. 22, 19:56
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    Die Bratwurst ist halt deutscher als die Wellpappe. Und schließlich beschimpft man Leute gern mit Essenstermini, siehe Froschfresser, Spaghettis, Kaasköpp, Fischköpfe, Knödelfresser, Krauts etc. pp.


    Deutschland ist für seine Vielfalt an Bratwürsten berühmt. Gern denke ich an die Bier-und-Bratwurst-Tour über süd- und ostdeutsche Weihnachtsmärkte mit unseren Freunden aus Amerika ... damals als es noch Weihnachtsmärkte gab. Die deutsche Bratwurstvielfalt ist schon erstaunlich.


    Nebenbei: Ich würde eine gute Bratwurst heute nicht mehr als billiges Essen für arme Leute oder Kleinbürger ansehen. Schweineschnitzel gibt's beim Aldi billiger als eine gute Bratwurst beim Metzger.


    Was wir definitiv nicht diskutieren brauchen, ist die Sinnhaftigkeit von Yücels Invektive.

    #22VerfasserSelima (107)  24 Apr. 22, 20:45
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    Ich habe bei "Bratwursthaftigkeit" nicht das "deutsche" im Blick, sondern das "einfach gestrickte". Eine Bratwurst ist etwas, das aus groben Fleischfetzen und viel Fett zusammengemischt wird, wobei das genaue Rezept (außer man will es unter einem bestimmten Namen unter die Leute bringen) irrelevant ist. Auch muss sie nicht unbedingt hohen Qualitätsmaßstäben entsprechen, um sie als "Bratwurst" zu verkaufen. Sie zuzubereiten ist auch so einfach, dass jeder, der sogar das Kaffeewasser anbrennen lässt, eine akzeptable Bratwurst hinbekommt: einfach auf den Grill oder in die Bratpfanne geben, man kriegt dann schon mit, wenn sie fertig ist.


    Ich vermute, er wollte hier eher auf die träge, denkfaule, "es sich einfach machen"-Haltung hinaus, als irgendetwas typisch deutsches anzuprangern. Davon, dass es ein "Essen der Unterschicht" sei, sehe ich nicht so viel Hinweise, andere Metaphern ("Eintopfdenken" o.ä.) passen nicht, weil ein Eintopf meist deutlich komplizierter ist und derartige Metaphern schon anders vorbelegt sind.

    #23Verfasserm.dietz (780138) 25 Apr. 22, 13:56
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    Habe mir interessehalber längst den SPIEGEL bestellt, in dem der Bericht über Yücel abgedruckt war. Das Verhalten von Yücel gegenüber jahrzehntelangen, verdienstvollen Mitarbeitern halte ich für äußerst fragwürdig, sie eben einfach rauszuschmeißen, was wohl tatsächlich passiert ist. Daniel Kehlmann scheint sich andererseits auf die Seite Yücels gestellt zu haben.


    Wie dem auch sei, ich finde diese Wortneuschöpfung wie einige andere weiterhin durchaus gelungen uns stelle mir darunter eine fahrige, unkonzentrierte Art eines selbstgefälligen Spießertums bzw. ggf. sogar deutschtümelnden Chauvismus vor und bitte alle Bratwürste dieser Welt dafür gerne um Verzeihung. Mehr Mitleid habe ich indessen mit den Tieren, die ggf. unter inakzeptablen Aufzuchtbedingungen ihr Leben für diese Bratwurst lassen mussten.


    Danke jedenfalls für diesen Faden an den Herrn Pfarrer ... und wie schön, dass der PEN sich nun nach seinen Querelen neu gegründet hat - und Julian Assange zu seinem Ehrenmitglied ernannt hat.


    #24VerfasserRightSaidFred (1322814) 24 Jun. 22, 13:37
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    Was dieser Wortschöpfung zweifellos gelungen ist: sie ist weitgehend Auslegungssache und kann in allerlei böse Richtungen interpretiert werden.

    #25VerfasserRominara (1294573) 24 Jun. 22, 13:49
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    Weil das Wort "Bratwurstbude" hier noch nicht vorgekommen ist:


    Yüzel schleuderte in seinem cholerischen Ausbruch (Mitte Mai) dem PEN entgegen: Er wolle "nicht länger Präsident dieser Bratwurstbude sein!"


    Wie kommentierte es die FAZ so schön, wie ich gerade googelte: "(Er) ... hängte seine goldene Grillzange, also die Wurstbuden-Präsidentschaft, an den Nagel."

    #26VerfasserBraunbärin (757733) 24 Jun. 22, 14:54
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    [OT] #24: Nach meinen Informationen hat sich der PEN nicht neu gegründet. Sondern Yücel hat zusammen mit anderen einen Konkurrenzverein gegründet, der sich PEN Berlin nennt. "Der neue Verband will laut Yücel auch mit PEN International zusammenarbeiten. Die dafür notwendige Unterstützung gebe es bereits von den Verbänden in Uganda und der Ukraine." (https://www.tagesschau.de/inland/pen-berlin-g...)

    #27VerfasserMattes (236368)  24 Jun. 22, 15:23
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    Ich denke, dass sehr wohl das Bild eines "typischen Deutschen" heraufbeschworen werden sollte, den man dann öffentlich verachten kann als so großartiger Intellektueller. Ich möchte jetzt nicht alle typischen "ethnic slurs" wiederholen, aber für mich fällt das in diese Kategorie.

    Ja, das muss man natürlich auch übersetzen können.

    Deshaln finde ich die Vorschläge in #8 gut, eben weil sie so viel offen lassen. Die "bratwurst" wird sofort als etwas sehr deutsches verstanden und kann damit gut das Sauerkraut ersetzen. Jeder darf dann sein eigenes Vorurteil gegen "die Deutschen" einsetzen.



    #28VerfasserSven DE (263308) 24 Jun. 22, 15:47
    Kommentar

    #27 - Danke für die Infos, Mattes!

    #29VerfasserRightSaidFred (1322814) 26 Jun. 22, 10:53
    Kommentar

    Ich stoße etwas spät zu den Feierlichkeiten, aber: Einen Faden wie diesen braucht Leo in meinen Augen absolut nicht. Das geht nicht gegen die - völlig legitime - Übersetzungsanfrage! Aber ich verstehe nicht, warum hier Personen des öffentlichen Lebens und deren vermeintliche Angriffe auf die deutsche oder europäische Identität diskutiert werden müssen.


    Ganz davon abgesehen, dass #5 belegt, dass das Wort keine Neuschöpfung ist (der dort verlinkte Text ist von 2013), ist es in meinen Augen nicht notwendig weitere Worte zu kreieren, die türkischstämmige Menschen (oder solche, die so gesehen werden) verunglimpfen, wie in #9 geschehen.



    #30Verfasserskinnyelephant (971902) 30 Jun. 22, 11:55
     
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